Wie Ray Davies und die Kinks in den Roaring Sixties das aufregend prickelnde Swinging London besangen

Fundstücke #11: Golden Hour Of The Kinks & Golden Hour Of The Kinks Vol. 2, originale, englische Vinyl-LPs

Es gibt keinen direkten Zusammenhang, aber es war wohl die Lektüre von Nick Hornbys trefflicher Schilderung der frühen 1960er Jahre in England, insbesondere der aufgeregt-prickelnden Atmosphäre des Swinging London, in seinem formidablen jüngsten Roman Miss Blackpool (Originaltitel: Funny Girl), die mich dazu brachte, wieder meine alten Platten von Ray Davies und den Kinks aus dem Regal zu holen und mit größtem Vergnügen zu hören.

Vor allem diese hier: Golden Hour Of The Kinks, erstmals 1971 eigentlich nur in England auf Pye Records veröffentlicht und 1973 mit einer zweiten LP Golden Hour Of The Kinks Vol. 2 ergänzt, in einer Reihe von Billigcompilations, in der auch Sammlungen von schottischen Liedern, effektvollen Stereoaufnahmen oder Opern-Ouvertüren erschienen sind. Zwei, drei Jahre später – nach meiner popmusikalischen Erweckung durch die Beatles und Rolling Stones sowie dem illuminierenden Kontakt mit den quasi extraterrestrischen Freudenspendern des Glamrock, den Sweet, Slade, T. Rex und David Bowie – fielen mir diese Platten, die eine mit einem lässigen, fast hippie-mäßigen Aquarellbild der Kinks, die andere mit einem irritierend psychedelisch verfremdeten Bandfoto auf dem Cover, beim Stöbern in einem Linzer Plattengeschäft in die Hände. Das passte gut. Schließlich absolvierte ich gerade, kurz vor der Punk- und New-Wave-Revolte, einen Grundkurs über den Britpop der Swinging Sixties, abseits der Beatles und Stones, die ja nur die Spitze einer gigantischen Welle waren. Als Nächste an der Reihe waren: The Who, The Small Faces und natürlich – The Kinks.

Die nicht nur musikalisch brisante Konstellation um das Brüderpaar Ray und Dave Davies kreierte zum einen mit den furiosen frühen Hits „You Really Got Me” und „All Day And All Of The Night“ praktisch den Prototypen für den späteren Hard und Heavy Rock.

Zum anderen aber hatten The Kinks mit dem Bandleader und Sänger Ray Davies, der dieser Tage seinen 73. Geburtstag feiert, einen besonderen Trumpf: Einen genialen Songschreiber, einen präzisen Londoner Alltags- und Szene-Chronisten mit genauem, unbestechlichem Blick, dessen Songs oft mit einer ansprechenden melodischen wie auch hohen textlichen Qualität daherkamen. Ich sage nur: „Waterloo Sunset“, „Dedicated Follower Of Fashion“, „Sunny Afternoon“, „Dandy“, „A Well Respected Man“, „Dead End Street“, „See My Friends“, „Stop Your Sobbing“, „David Watts“, „Lola“ oder „Days“, aber das ist jetzt nur der Gipfel eines Mount Everest an großartigen Songs.

Vor allem die erste Golden Hour Of The Kinks-Platte hält, was sie verspricht. Eine volle Stunde lang herrliche Songs der Kinks. Gar nicht mal perfekt zusammengestellt, aber doch viel von dem mit dabei, was die Kinks von 1964 bis in die späten 1960er ausmachte. Ein schönes Porträt einer typisch englischen und ganz besonderen Combo. Ich konnte mich an der Platte früher jedenfalls nicht satthören, und ich lege sie auch heute noch oft und gerne auf. Als die Kinks so um 1977, 1978 herum in der Sporthalle in Linz ein mitreißendes Konzert spielten, war ich voll von der Golden Hour Of The Kinks infiziert und sang ihre größten Hits laut und leidenschaftlich mit.

Nach einigen nur schwer genießbaren, überkandidelten Rockopern waren die Kinks in der zweiten Hälfte der 1970er mit feinen Alben wie Sleepwalker (1977), Misfits (1978) oder Low Budget (1979), mit packenden Songs wie „A Rock’n’Roll Fantasy“, „Catch Me Now I’m Falling“ und „(Wish I Could Fly Like) Superman“, wieder voll auf Kurs und vor allem in den USA erfolgreich wie nie. Davon zeugt auch das fantastische Live-Doppelalbum One For The Road von 1980. In der englischen Heimat wurden The Kinks nun von jungen Stürmern und Drängern wie Paul Wellers The Jam, die ihren Song „David Watts“ neu aufnahmen, als verdienstvolle, beispielgebende Vorläufer geadelt, und ein Jahrzehnt später dann erneut von Damon Albarn und Blur, aber auch von den Gallagher-Brüdern von Oasis als Säulenheilige des Britpop verehrt.

Und heute? Während die Rolling Stones ihre Zwistigkeiten für ihr 50-Jahre-Jubiläum, laufende Tourneen und ein neues, brillantes Studioalbum mit alten Blues-Originalen haben ruhen lassen und ihre späten Jahre ausgiebig zelebrieren, sind die Kinks seit fast zwanzig Jahren getrennt, wenn auch nicht offiziell. Die schon in den Sixties heftig streitenden Brüder Ray und Dave Davies sollen selbst heute noch einander verbittert gram sein, weshalb angebliche Verhandlungen über eine Reunion-Tournee zum Band-Fünfziger und danach außer vagen Absichtserklärungen von beiden bis jetzt wenig gebracht haben. Die Golden Hour Of The Kinks erinnert nicht zuletzt auch vehement daran, welch großer Verlust die durch den unversöhnlichen Streit der Davies-Brüder vergeudeten Möglichkeiten für die britische Rock- und Popmusik sind.

Ich habe mir Golden Hour Of The Kinks übrigens längst für unterwegs mit den von meinen Kinks-CDs auf den Laptop geholten zwanzig Songs eins-zu-eins als MP3-Playlist und als selbstgebrannte CD rekonstruiert – wer braucht schon schnöde Streaming-Dienste, wenn er eine richtige Plattensammlung hat?

Aber von der alten, schon leicht ramponierten Vinylscheibe, die sich gerade am Plattenspieler dreht, wehen einen Ray Davies‘ scharfsinniger Esprit und die nostalgische Sehnsucht und Melancholie, die von Beginn an viele Songs der Kinks durchflutet, noch einmal so schön und bewegend an. Nicht umsonst lamentierte Ray Davies schon 1965 in einem seiner funkelndsten Songs: „Where Have All The Good Times Gone“?

The Kinks The Golden Hour Of The Kinks & Golden Hour Of The Kinks Vol. 2, Pye Records, 1971 & 1973

(Erstmals veröffentlicht am 23. Februar 2015, anlässlich des 73. Geburtstages von Ray Davies im Juni 2017 gründlich überarbeitete, neue Fassung)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s