Prefab Sprout „Steve McQueen“

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Die wundervolle Liederwelt des Paddy McAloon.

Der raffinierte Pop-Lyriker und Melodienschmied Paddy McAloon hat in der englischen Popszene eine Ausnahmestellung, und nicht nur dort. Sein unerreichtes Meisterwerk von 1985, das Album Steve McQueen, ist pure Magie – und ein idealer Soundtrack, um sich im Wirrwarr romantischer Gefühle treiben zu lassen: Man kann sich nach Liebe sehnen. Sich neu verlieben. Oder sich über das Zerbrechen einer Liebe hinwegtrösten.

Auf Steve McQueen ist es irgendwie immer Ende August, Anfang September – ein wohltuender, warmer Regen prasselt nieder, man kann nach der Sommerhitze erst mal gar nicht genug davon kriegen. Die elf Songs, die wir auf Steve McQueen hören, könnten zauberhafter, zartbesaiteter nicht sein. Wunderbar emotional und gescheit ausgetüftelt, berühren sie Herz und Verstand gleichermaßen. Die kristallklaren Melodien schweben über jazzigen Gitarrenakkorden, sanft ätherischen Electropop-Klängen und durchaus muskulösen Grooves.

Paddy McAloons poetische Textzeilen lassen sich mindestens so gut rezitieren wie Cole Porter, Smokey Robinson oder Goethe – so heißt es im himmelhochjauchzenden Goodbye Lucille # 1: „Life’s not complete / Till your heart’s missed a beat“; im leidvollen When Love Breaks Down: „When love breaks down / The lies we tell / They only serve to fool ourselves / When love breaks down / The things you do / To stop the truth from hurting you“; im bitteren Desire As: „I’ve got six things on my mind / You’re no longer one of them“; im glühenden Appetite: „So if you take / Then put back good / If you steal – be Robin Hood / If your eyes are wanting all you see / Then I think I’ll name you after me / I think I’ll call you appetite”; und im scharfsinnigen Horsin’ Around: „You surely are a truly gifted kid / But you’re only as good as / The last great thing you did”.

Paddy McAloon singt diese fein gedrechselten Reime mal zart hauchend, mal leidenschaftlich aufbrausend. Sängerin Wendy Smith doppelt vieles mit elfenhafter Stimme – ein traumhafter, betörender Effekt. Mit Steve McQueen haben die im nordenglischen Newcastle beheimateten Prefab Sprout nicht nur eines der besten Alben des generell guten 1985er Pop-Jahrgangs produziert – für mich ist Steve McQueen eine der allerfeinsten Pop-Langspielplatten überhaupt.

Anders als auf dem noch unausgegorenen, ungelenken Debüt Swoon (1984), gelang es dem vieltalentierten Sänger und Songschreiber Paddy McAloon auf Steve McQueen mit Hilfe von Produzent Thomas Dolby, seine vielen Ideen auf einen Nenner und damit optimal zur Wirkung zu bringen. „Ich bin nicht wirklich daran interessiert, die Grenzen der Popmusik zu erweitern“, meinte er damals mit dem für ihn typischen Understatement: „Ich freue mich mehr darüber, wenn jemand die Melodie eines meiner Songs vor sich hin pfeift.“

Beeinflusst, angetrieben wird Paddy McAloon in seinem Schaffen von ähnlich eigensinnigen, genialen Songschreibern und Musikern wie George Gershwin, Burt Bacharach, Jimmy Webb, Steely Dan, Prince oder Beach Boy Brian Wilson. Mit Steve McQueen schuf er eine musikalische Welt, die von einer unvergleichlichen Schönheit ist. Bis heute bewegt sich McAloon, wenn auch immer seltener, auf diesem, seinem ureigenen Terrain – unbeirrt von allen Moden, Trends und Zeitläufen. Und das ist gut so.

Prefab Sprout Steve McQueen, Kitchenware Records/CBS, 1985

(now! N° 18, Mai 2003, zuletzt überarbeitet im August 2018)

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05.08.2018: Alleingelassene Fahrradständer / Bicycle Racks Left Alone

An einem glühenden Sommersonntag wie diesem ist es einfach viel zu heiß fürs Fahrradfahren. Weshalb diese Fahrradständer alleingelassen im Schatten vor sich hin brüten.

On a scorching hot summer Sunday like this it’s way too hot for riding your bicycle. Which is why these  bicycle racks are brooding left alone in the shade.

Picture: Bicycle Racks In The Shade © Myself

Brent Cash “How Will I Know If I’m Awake”

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Sonnengoldener Pop aus einer versunkenen Zeit.

Nicht nur das mysteriöse, wunderschöne Cover dieser Platte leuchtet aus einer lang versunkenen Zeit herüber. Auch der Name Brent Cash klingt irgendwie so, als ob es diesen Typen vielleicht gar nicht gäbe. Man rätselt, ob sich dahinter vielleicht ein geheimnisvoller Soundtüftler verbirgt, der dieses raffinierte Kunstwerk im Retrosound auf den Spuren von Könnern wie Burt Bacharach, Beach Boy Brian Wilson und den mitunter wunderbaren Carpenters kreiert hat. Oder ob es sich gar um die Wiederveröffentlichung in Vergessenheit geratenen, wunderbaren alten Langspielplatte aus den 1960ern oder 1970ern handle – mit allerfeinstem Sonnenpop-Sound made in California. Womöglich ist How Will I Know If I’m Awake ja ein kuscheliger Tagtraum, der ganz im Groove des legendenumwobenen kalifornischen Sunshine Pop segelt. Also sonnendurchflutete, sanft melodienselige Popmusik, wie sie anno dazumal an der amerikanischen Westküste fabriziert wurde – als alles scheinbar leichter, lässiger, besser war.

Aber: Brent Cash gibt es wirklich. Und es gibt ihn jetzt! Er ist ein Multiinstrumentalist, Songschreiber und Sänger aus Athens, Georgia, wo auch R.E.M. oder The B-52’s herkommen, und er soll Kalifornien nur von der Ferne kennen. Umso besser ist der gute Mann mit den sonnigen Melodien und Harmonien kalifornischer Machart vertraut, und er fährt auf seinem wunderbaren Debütalbum ein kleines Orchester auf – Streicher, Bläser, Querflöte, Oboe, Harfe, Xylophon, Piano –, um mit aufwändigen Arrangements seine Songfantasien real werden zu lassen.

„Hey, is that heaven?“, singt er gleich zu Beginn des ersten Songs Everything That’s Grey, der den Carpenters genauso alle Ehre gemacht hätte wie das bittersüße Love Is Burning Down Tonight, ein berührendes Duett mit einer gewissen Amanda Kapousouz, die hier auch noch Geige spielt. Während When The World Stops Turning ähnlich schön der Melancholie frönt, zieht Brent Cash im hinreißenden Digging The Fault Line das Tempo an – angejazztes Gitarrensolo inklusive.

Im selig beschwingten Only Time fantasiert der Romantiker vom Land der Liebe und huldigt in Good Morning Sunshine – dem Titel gemäß – dem güldenen Sonnenschein am Morgen. Sodann flaniert er in This Sea, These Waves zu den sanften Rhythmen eines Bossa Nova entspannt Richtung Ozean. Und schenkt sich zum Abschied mit More Than Everything eine weitere schwelgende Weltschmerzballade. Sein Glaubensbekenntnis aber hören wir schon zuvor im unfassbar schönen I Think I’m Falling In Love – über verträumten Akkorden, in denen man das Meer rauschen hört, säuselt ein Frauenchor einem Mantra gleich: „I think I’m falling in love…“ Und die Männerstimmen antworten: „With California…“

So viel Pop-Schönheit bekommt im Land des zusammenkrachenden Turbokapitalismus mit seiner Profitmaximierungsgeilheit keinen Plattenvertrag mehr, da musste schon das Hamburger Indie-Pop-Label Marina Records – Liebhaber-Pop für Pop-Liebhaber – in die Bresche springen: Der Sommer kann beginnen – jetzt! Egal, wie grässlich das Wetter und die Wirklichkeit da draußen sind.

Brent Cash How Will I Know If I’m Awake, Marina Records, 2008

(now! N° 67, April 2008, zuletzt überarbeitet im August 2018)

Brent Cash „How Strange It Seems”

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Nie war die gute alte Zeit schöner als heute.

Schon das 2008er Debütalbum How Will I Know If I’m Awake von Brent Cash tönte wie ein verlorenes Meisterwerk aus früheren Zeiten, wie ein geheimes Gipfeltreffen von Pop-Altmeistern wie Burt Bacharach, Brian Wilson, Jimmy Webb oder den Carpenters. Auch auf How Strange It Seems ist praktisch jeder Song, jede Takt, jede Note in diesen goldenen kalifornischen Sonnenschein getaucht.

Brent Cash, ein 44-jähriger Multiinstrumentalist, Songschreiber und Sänger aus Athens, Georgia, der in den 1990ern schon zwei unveröffentlicht gebliebene Alben aufnahm, ist ein heilloser Romantiker, der im aufwändig inszenierten Sound einer versunkenen Epoche schwelgt, die so schön wohl gar nicht gewesen sein kann. Oder doch?

Seinem erneut mit einer Vielzahl von famosen Musikern eingespielten zweiten Longplayer fehlt zwar der Überraschungseffekt von How Will I Know If I’m Awake. Dessen strahlende Schönheit, große Klasse, seine musikalische Raffinesse findet sich aber auch auf How Strange It Seems wieder.

Vom überschwänglichen orchestralen Auftakt I Wish I Were A Song bis zum letzten Song, dem betörenden Melodram I Just Can’t Look Away: Über das zauberhafte It’s Easier Without Her; die hauchzarte, irgendwie philosophische, besonders an Burt Bacharach erinnernde Ballade Where Do All The Raindrops Go, die hier der allerschönste Song ist; das von Akustikgitarren und symphonischen Streichern umspielte Titellied How Strange It Seems; und die zerbrechlich sehnsüchtige Klavierballade Don’t Turn Your Back On The Stars mit einem jazzigen Saxophonsolo.

Zugleich erweitert Brent Cash aber auf How Strange It Seems seine musikalische Palette um den Soft Rock der 1970er, in der Art von America oder Bread, aber auch um die vielschichtigen Gesangsharmonien von Vokalgruppen wie The Free Design. Und im fetzigen Instrumental I Can’t Love You Anymore Than I Do blitzen überraschend funky Kino- und TV-Titelsongs wie Shaft oder Die Straßen von San Francisco auf und damit auch der psychedelische Motown-Soul.

How Strange It Seems ist eine exquisite Songkollektion mit einem herrlich harmonien- und melodieseligen Sound. Eine Platte wie ein Ozean voller gebrochenen Herzen, die die nächste Welle erwischen wollen, um Richtung Sonnenuntergang einer neuen Hoffnung, einer neuen Liebe entgegen zu surfen. Klingt kitschig? Durchaus. Ist aber wahr und so was von schön. Man sollte die Songs von Brent Cash zum Weltkulturerbe erklären.

Brent Cash How Strange It Seems, Marina Records, 2011

(now! N° 97, Juni 2011, zuletzt überarbeitet im August 2018)

Neil Diamond: Cooler als erlaubt

Neil Diamond zeigt in der ausverkauften Münchner Olympiahalle einmal mehr seine brillanten Qualitäten als Entertainer.

Es braucht nur wenige Minuten, bis Neil Diamond seine Fans in der ausverkauften Münchner Olympiahalle auf die richtige Betriebstemperatur bringt. Es braucht mit One More Bite Of The Apple auch bloß einen einzigen Song seines neuen, vom Kultproduzenten Rick „Rauschebart“ Rubin – zugleich der Kurator von Johnny Cashs imposanten Alterswerk – betreuten Albums Home Before Dark. Man versteht sofort, was den 67-jährigen Sänger und Songschreiber mit der grundtraurigen, dramatischen Baritonstimme auch nach fast fünfzig erfolgreichen Karrierejahren noch antreibt.

Die Songschreiberei, das Singen, die Bühne, sie lassen ihn nicht los. Neil Diamond will es noch einmal wissen. Er sucht eine neue kreative Herausforderung, obwohl er es längst viel gemütlicher haben könnte in seiner pompösen Villa in Los Angeles, wohin der in Brooklyn, New York, als Sohn einer jüdischen Familie geborene Musiker schon in den 1970ern übersiedelt ist und wo ihn die gepflegte Fadesse plagen dürfte. „Did it once / You can do it once more yeah“, beschwört der Songschreiber seine Muse in One More Bite Of The Apple. Er will sich selbst beweisen, dass er sein Songschreiberhandwerk immer noch meisterhaft beherrscht, das er am Übergang von den 1950ern zu den 1960ern im Brill Building, der legendären New Yorker Popfabrik, erlernt hat. Er ringt zugleich um seine Anerkennung als einer der großen amerikanischen Songschreiber der Popgeschichte. Eine Ehre, die ihm bis heute von der sich hip und cool wähnenden Musikkritik und Popgeschichtsschreibung verweigert wird – diese denunziert den Künstler, der eine Reihe hochkarätiger Songklassiker geschrieben hat, die auch Elvis Presley, Frank Sinatra oder Johnny Cash interpretiert haben, bevorzugt als abgeschmackten Schlagerlieferanten.

Mit One More Bite Of The Apple beginnt Neil Diamond quasi programmatisch seine Live-Show. Die schwarze Akustikgitarre geschultert, durchschreitet der in den letzten Jahren merklich dünner gewordene Sänger das Spalier seiner mit vier Backgroundsängerinnen verstärkten elfköpfigen Veteranenband – eine bunte Mischung aus Buena Vista Social Club und Showband aus Las Vegas –, um am vordersten Bühnenrand sein musikalisches Glaubensbekenntnis zu erneuern. So cool wie Diamond in engen, schwarzen Jeans, schwarzem Westernhemd und mit Goldfäden durchwirktem dunklen Sakko aussieht; so charismatisch er auf der Bühne agiert; so gut und glaubhaft wie er singt; sollte das die internationale Geschmackspolizei staunen lassen. Dass er selbstverständlich auch ein routinierter, sympathischer Entertainer ist, demonstriert eine technische Panne nach dem dritten Song. Die drahtlosen Ohrhörer, die heute anstelle von Monitorboxen den Sänger auf der Bühne seine Stimme hören lassen, funktionieren nicht. Als ein Assistent minutenlang an Diamond herumnestelt, um das Problem zu beheben, überbrückt dieser die Peinlichkeit mit lässigem Geplauder, das ihn dem Publikum nur noch näher bringt: „Don’t leave! You will be entertained this evening one way or another!“ – Es folgen, abseits der geplanten Songliste gleich zwei Versionen von „Sweet Caroline“ hintereinander, einmal ohne, einmal mit funktionierenden Ohrhörern gesungen. „Did I do it good?“ Was für eine Frage, Mr. Diamond!

Die Halle tobt. Neil Diamond hat schon jetzt gewonnen. Die fein abgestimmte Band sowie die gut überlegte Songliste, die immer wieder mit alten, durch funky Latin-Rhythmen aufgepeppten Hits wie I’m A Believer oder Cherry, Cherry auflockert wird, tun das Übrige. Dann folgen mehrere Songs des 1976 von Robbie Robertson (The Band) produzierten Albumklassikers Beautiful Noise, Neil Diamonds vielleicht bester Longplayer überhaupt. Damals war der Sänger auch beim Abschiedskonzert von The Band dabei und damit auch im von Martin Scorsese gedrehten Konzertfilm The Last Waltz.

Bob Dylan soll Diamond hinter der Bühne böse verhöhnt haben. Aber auch Bob Dylan kann irren. Weshalb Rick Rubin nach Johnny Cash jetzt auch Neil Diamond rehabilitieren möchte. Home Before Dark, nach dem 2005er Werk 12 Songs schon die zweite Zusammenarbeit der beiden, hievte den Sänger mit seinen jetzt in spartanische Arrangements gekleideten Songs zum ersten Mal in seiner Laufbahn auf den ersten Platz der Albumscharts auf beiden Seiten des Atlantiks.

Es geht auch in den neuen Liedern von Neil Diamond um seine Hauptthemen – um Sehnsucht, Heimweh, Einsamkeit, Hunger nach Liebe und zwischenmenschlicher Nähe, um einen Sinn im Leben. Den bewegenden Titelsong des neuen Albums singt er nach zwei zartbitteren Songs aus seinem alten Kinofilm The Jazz Singer zur Akustikgitarre am Barhocker. Es folgen die wunderbar wehmütigen Sehnsuchtsballaden Brooklyn Roads, I Am… I Said und Solitary Man – das ist mit größter Wirkung zelebrierte Singer-Songwriter-Kunst. Daran rütteln auch die wenigen, zu kitschig inszenierten Ausrutscher wie You Don’t Bring Me Flowers und leider auch der 1970er-Gassenhauer Song Sung Blue nichts.

Rick Rubin weiß nur zu gut, warum er ein Jahr lang Nachrichten auf Neil Diamonds Anrufbeantworter hinterlassen hat, um mit ihm arbeiten zu können. Diesem Mann gebührt Respekt.

Neil Diamond, Olympiahalle München, 27. Mai 2008 – Die Setlist:

One More Bite Of The Apple / Holly Holy / Street Life / Sweet Caroline / Sweet Caroline / Beautiful Noise / Lady Oh / If You Know What I Mean / Cherry, Cherry / Thank The Lord For The Night Time / Hello Again / Love On The Rocks / Home Before Dark / Don’t Go There / Pretty Amazing Grace / Crunchy Granola Suite / Done Too Soon / Brooklyn Roads / I Am… I Said / Solitary Man / I’m A Believer / You Don’t Bring Me Flowers / Song Sung Blue / Man Of God / Hell Yeah / Cracklin’ Rosie / Brother Love’s Travelling Salvation Show

(now! Online, 01.06.2008, zuletzt überarbeitet im August 2018)

Bruce Springsteen „The Promise”

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Diese 21 bislang unveröffentlichten Songs sind eine Art Heiliger Gral in Bruce Springsteens Schaffen.

Es gibt sie also wirklich diese Songs, die Bruce Springsteen 1977 alle für sein viertes Studioalbum Darkness On The Edge Of Town mit der E Street Band eingespielt hat. Und es dürften in den Archiven sogar noch mehr zu finden sein. Nachdem Springsteen 1975 mit dem epochalen Longplayer Born To Run künstlerisch und kommerziell der große Durchbruch gelang, schlitterte der 26-jährige Musiker aber überraschend in eine Krise. Ein Rechtsstreit mit seinem Manager Mike Appel hinderte ihn über ein Jahr lang, neue Songs aufzunehmen. Als Springsteen die Kontrolle über sein Werk zurück gewann, hatte sich in seinen eng beschriebenen Notizbüchern eine Vielzahl von neuen Songs angesammelt, die er nun wie im Rausch mi der E Street Band im Studio aufnahm.

Bruce Springsteen selbst notiert im einleitenden Essay zu The Promise, dass damals wohl Material für vier Alben aufgenommen wurde, ehe er die zehn Songs für das im Juni 1978 veröffentlichte Darkness On The Edge Of Town auswählte.

Einige der nicht verwendeten Lieder landeten auf späteren Alben (Sherry Darling etwa auf The River), andere wie Fire oder Because The Night wurden Hits für andere Künstler (Pointer Sisters; Patti Smith). Das nun veröffentlichte Doppelalbum The Promise, das es allein stehend und als Kernstück der aufwändigen, amtlichen Werkausgabe The Promise: The Darkness On The Edge Of Town Story mit 3CDs und 3 DVDs gibt, ist mit seinen 21 bislang unveröffentlichten Songs eine Art Heiliger Gral in Bruce Springsteens Schaffen.

Gleich beim ersten Hören ist klar, dass sich hier keine Ausschussware findet, sondern nur erstklassiger Stoff. Und dass für The Promise nicht einfach Outtakes aneinandergereiht wurden, sondern dass es sich tatsächlich um ein eigenes, für sich stehendes Album handelt, das der Boss damals zwischen Born To Run und Darkness On The Edge Of Town hätte veröffentlichen können.

bruce_springsteen_cover_the_promise_the_darkness_on_the_edge_of_town_storyWenn man die Sache aus der Distanz vieler Jahre und mit dem Wissen seiner weiteren künstlerischen Entwicklung betrachtet, hatte Bruce Springsteen damals Recht, auf das bei aller Schwermut doch oft auch romantisch schwelgende Born To Run das düstere Darkness On The Edge Of Town folgen zu lassen, mit seinen in grobkörnigem Schwarzweiß gehaltenen Songs vom fordernden harten Alltagsleben normaler Leute, ihren unerfüllten Hoffnungen und geplatzten Träumen. Der schier romantische, überschwänglich poppige Rhythm & Blues-Soul-Rock und die vielen seligen Liebesromanzen von The Promise hätten seine künstlerische Karriere wahrscheinlich nie so vorantreiben können, wie der von ihm gewählte radikale Bruch. Dennoch hätten zu jener Zeit gerade Fire oder Because The Night, vielleicht auch das jetzt von Springsteen für The Promise neu eingesungene Save My Love, seine ersten großen Hits in den Charts hätten werden können.

Heute ist The Promise als Licht-Seite des überschatteten Darkness On The Edge Of Town ein umwerfender Hörgenuss. Eine vor tollen Popsongs nur so überquellende Jukebox, in der wie schon zuvor auf Born To Run lustvoll Springsteens prägende Einflüsse rotieren: Elvis Presley in Fire, Roy Orbison in Someday (We’ll Be Together), The Brokenhearted oder Breakaway, Buddy Holly in Outside Looking In, Manfred Mann in Rendezvous, Otis Redding und die Rolling Stones in It’s A Shame, Talk To Me, Phil Spector in Gotta Get That Feeling. Erst gegen Ende fährt auch The Promise auf dem endlosen Highway Richtung Schattenseite und gipfelt im grandiosen, hochdramatischen Titelsong.

Mehr als dreißig Jahre später kann man diese Hochkaräter endlich in bester Soundqualität hören kann. Bruce Springsteens als Kurator seines Werkkatalogs sei Dank.

Bruce Springsteen „The Promise”, Columbia, 2010

(now! N° 93, Jänner/Februar 2011, zuletzt im August 2018 überarbeitet)

Bruce Springsteens Broadway Show auf Netflix

Der Konzertfilm „Springsteen On Broadway” kommt ab 15. Dezember 2018 weltweit auf Netflix.

Ist das Leben nicht voller Widersprüche? Wenn es um Musik geht, kann ich mit all den Streaming-Plattformen nichts anfangen, egal ob Spotify, Apple Music oder was auch immer. Ich halte Musik-Streaming für einen oberfiesen Gottseibeiuns, der mehr ruiniert als er gut macht und Pop- und Rockmusik in ihrer DNA schädigt. Vielleicht bin ich aber auch bloß zu einem mürrischen, älteren Grießgram mutiert. Schließlich kenne ich auch junge Leute, die ihre Musik nur mit dem Smartphone saugen, aber dennoch total musikbegeistert sind, selbst die Songtexte kennen und sie auswendig mitsingen können. Von wegen Streaming-Berieselung.

Wenn es um Filme und Fernsehserien geht, sehe ich das mit dem Streaming sowieso anders. Beim Netflixen bin ich voll dabei. Dass Netflix anders als die Musik-Streaming-Dienste nicht nur absahnt, sondern selbst kreativ Eigenes produziert, in seine Eigenproduktionen viel Bares investiert und gute Serien und Filme macht, ist Fakt – und keine Ausrede fürs Binge Watching, auch wenn ich beim Netflixen an Pro und Contra gar nicht denke. Ich gucke einfach gern, auch wenn ich häufig ins Schlafkoma gleite und dann mal von Netflix gefragt werde: „Schaust du noch?“

Aber worum es eigentlich geht, ist das: Bruce Springsteens seit dem 12. Oktober 2017 im kleinen Walter Kerr Theatre laufende, dauerausverkaufte Show Springsteen On Broadway kommt ab 15. Dezember 2018 weltweit auf Netflix. Der speziell für Netflix gedrehte Konzertfilm zeigt die ganze Theater-Show, in der Springsteen allein zur Akustikgitarre und Klavier seine Songs spielt und im Sog seiner famosen Bestseller-Autobiografie Born To Run persönliche Geschichten erzählt. Die Karten für die 236 Abende waren so schnell weg, dass es zwischendurch sogar mal eine Ticket-Lotterie dafür gab.

An dem Tag, an dem Springsteen On Broadway erstmals auf Netflix zu sehen ist, soll auch die letzte Live Show im Walter Kerr Theatre am Broadway laufen. Für den Film hat Bruce Springsteen nicht nur die Songs und Storys geschrieben, sondern auch das Drehbuch. Regie geführt hat Thom Zimney, der schon beim prämierten Konzertfilm Bruce Springsteen and The E Street Band: Live in New York City von 2001 Regie führte.

Netflix ist natürlich höchst erfreut, sich den großen Bruce Springsteen geangelt zu haben, dessen Langzeitmanager Jon Landau sieht das Besondere am Deal mit Netflix darin, dass es Bruce Springsteens massiver Fan-Gemeinde ab dem 15. Dezember weltweit möglich sein wird, „die komplette, unglaublich intime Show“ endlich zu sehen: Springsteen On Broadway – am 15. Dezember 2018 geht’s los. Ich bin schon mal gespannt darauf.