B-Logbook 15.04.2021: Paul Weller Just Premiered A New Video For His New Song “Shades Of Blue”

In Advance of his upcoming new album Fat Pop Paul Weller just premiered a new video for his new song Shades Of Blue. Looks quite fine. But it does sound superb! Do I feel a Style Council vibe here? I do.  The Modfather’s on quite a roll.

Paul Weller’s new studio album Fat Pop (Volume 1) will be released by Polydor Records May 14, 2021. The Volume 1 in the title hints at  a second volume in the future, hopefully also this year.

Weller is joined on Fat Pop by his main band members (drummer Ben Gordelier, Steve Cradock on guitar and bassist Andy Crofts) and a number of guests including Andy Fairweather Low (Testify), his daughter Leah Weller (Shades Of Blue) and The Mysterines’ Lia Metcalfe (True). Still Glides The Stream, was co-written by Steve Cradock.

Fat Pop, a reportedly adventurous sounding record with each song being very diverse, is already heralded by the seedy swinger Cosmic Fringes,a pumping electro-pop-groover with deadpan Weller vocals, totally different from On Sunset’s sweeping California soul, the boldly orchestrated soul ballad Glad Times, and the more poppy, very soulful Shades Of Blue.

About Fat Pop the Modfather says: “It’s a celebration of music and what it’s given us all. No matter what situation you are in, and we’re in one now, music doesn’t let you down, does it?”

The full tracklisting for Fat Pop (Volume 1) is:

Cosmic Fringes
True
Fat Pop
Shades Of Blue
Glad Times
Cobweb/Connections
Testify
That Pleasure
Failed
Moving Canvas
In Better Times
Still Glides The Stream

Paul Weller Fat Pop, Polydor Records, 2021

Shades of Blue Song/Video © Polydor Records

B-Logbook 14.04.2021: Mick Jagger & Dave Grohl Do The Lockdown Rock

A year ago, The Rolling Stones released in the midst of the first wave of the Corona pandemic a rousing new single called Living In A Ghost Town, talking about how the lockdowns caused by the vicious virus emptied the hearts of the cities.

Now Mick Jagger teamed up with Foo Fighter Dave Grohl and recorded a hard rocking track called Eazy Sleazy, venting his anger and frustration about the seemingly never ending pandemic and the never ending lockdowns around the world. But he also wants to spread some optimism. When it’s gone, so Jagger’s belting out: “It will be only a memory, you’re trying to remember to forget.” The man’s pissed off, and how. Who’s not?

Mick Jagger & Dave Grohl Eazy Sleazy, YouTube Lyric Video, 2021

Herbert Grönemeyer: „Ich singe, was ich fühle!“

Talk Show/Interviews N° 5: Herbert Grönemeyer.

Im Gespräch mit Herbert Grönemeyer im Spätsommer 2002 in Köln anlässlich der Veröffentlichung seines Albums Mensch.

Herbert Grönemeyer feiert heute seinen 65. Geburtstag. Was für ein Leben. Was für ein Künstler. Was für ein Mensch. Im Spätsommer 2002 konnte ich ein langes Gespräch mit Herbert Grönemeyer in Köln in den Räumen seiner Plattenfirma führen. Es war eines der spannendsten, intensivsten, tiefgehendsten Interviews, das ich in meinem Journalistendasein führen konnte. Vier Jahre zuvor waren seine Frau und sein Bruder viel zu früh verstorben, Herbert Grönemeyer stürzte in eine große Lebenskrise. Sein berührendes Album „Mensch“, das bis heute nicht an Wert und Wirkung verloren hat, war auch der Versuch, seinen Schmerz und seine Sprachlosigkeit zu überwinden. In unserem Gespräch mutmaßte Grönemeyer übrigens: „Ich will nicht in zehn Jahren noch über die Bühne heizen wie ein Stier“. Naturgemäß hat er weiter gemacht, und er wird weitermachen, wenn Corona ihn wieder lässt und seine Fans in seine Konzerte. Er macht es einfach zu gut. Happy Birthday, Herbert Grönemeyer!

Du fehlst“ – zwei knappe, tiefblau eingefärbte Worte aus dem Titelsong von Herbert Grönemeyers neuem Album Mensch sagen genug. Mit einer großen emotionalen Radikalität, die sich sowohl in den Songtexten als auch den musikalischen Arrangements ausdrückt, versucht der heute in London lebende Sänger und Musiker sich der unbegreiflichen Tragödie zu nähern und horcht in seine wunde Seele. Kein Jammern, Selbstmitleid oder Depression, dafür genaue Beobachtungen, berührende Bilder, kleine Wahrheiten, große Gefühle. Eine große Liebe. Eine tiefe Traurigkeit. Erst am Vorabend unseres Gesprächs im Kölner Hauptquartier seiner Plattenfirma hat Grönemeyer die endgültige Version von Mensch fertiggestellt und präsentiert sie an diesem Tag aufgeregt und sichtlich glücklich zum ersten Mal auch seiner Plattenfirma. Es geht wieder voran.

Klaus Winninger: Die banalste und brennendste Frage ist wohl jene nach Ihrem Befinden. Wie geht es ihnen im Sommer 2002?

Herbert Grönemeyer: Ich schwanke zwischen Melancholie und Zuversicht. Für mich hat die Zeit neu begonnen vor vier Jahren, als ich in eine Situation geraten bin, für die es keine Rezepte gibt. Und jetzt nach vier Jahren habe ich zumindest das Gefühl, ich lerne damit zu leben, dass dies Bestandteil meines Lebens ist, dieses Trauma, diese Trauer, diese Farbe. Und auf der anderen Seite sehe ich, dass andere Farben wieder klarer werden. Ich habe das Gefühl, ich bin auf dem Weg wieder am Leben teilzunehmen und deutlicher ans Leben heranzukommen. Und das macht mir unheimlich Hoffnung. Aber es ist eine neue Zeitrechnung, und diese Platte ist ein Versuch, diese Zeit zu beschreiben und gleichzeitig für sich selber eine Perspektive zu eröffnen. Also wieder Musik machen zu können und seine Sprachlosigkeit zu überwinden.

KW: Hat sich durch die Arbeit an den neuen Liedern Ihr persönliches Befinden verbessert?

Herbert Grönemeyer: Ja, mit Sicherheit. Ich glaube nicht, dass die Zeit Wunden heilt, aber die Zeit lässt einen lernen mit Dingen besser umzugehen und sie auch zu akzeptieren. Anfangs hatte ich große Angst, dass mir das alles abhanden kommt. Ich wusste nicht, ob ich das je wieder kann. Ich habe versucht mich hinzusetzen und zu schreiben, und dann war alles immer sehr traurig, grau und düster. Da habe ich gedacht, vielleicht ist es das schon gewesen. Dabei war Musikmachen so lange ein elementarer Bestandteil meines Lebens. Anfang letzten Jahres hat Alex Silva, mit dem ich die neue Platte dann gemacht habe, gesagt: Komm Herbert, wir setzen uns einfach hin und reden und fangen mal an. Dass ich diese Platte jetzt geschafft habe, ist ein enormer Schritt für mich. Ich glaube, in einem Jahr wird mir damit ein großer Stein von der Seele fallen.

KW: War es wichtig, diese Lebenskrise nicht nur als Mensch, sondern auch als Musiker und Songschreiber verarbeiten zu können?

Herbert Grönemeyer: Ich mag das Wort „Trauerarbeit“ nicht, weil es nicht stimmt. Man kann so etwas nicht verarbeiten, sondern man lernt zu begreifen, dass der Tod einfach Bestandteil des Lebens ist. Ich glaube, ich habe mich diesem Thema mit meinen Songs genähert. Ich habe mich mit der neuen Platte diesem Thema gestellt, so würde ich es eher sagen. Zu begreifen und zu akzeptieren, dass der Tod zum Leben gehört, ist eine Lektion, die einen demütiger werden lässt. Aber gleichzeitig liegt darin die Chance, dass das Leben dadurch auch präziser wird. Man lernt viele Dinge schärfer anzugehen und sich mit Nebensächlichkeiten nicht mehr so viel aufzuhalten und sich über viele Dinge auch nicht mehr so viele Sorgen zu machen. Man beginnt, sein Leben aufzurollen, man denkt viel mehr über sich selber nach, man bewegt sich rückwärts, um irgendwann wieder nach vorne gehen zu können.

KW: Wie geht es Ihnen eigentlich mit der fertigen Platte? Der Weg oder Dort und Hier sind zum Beispiel zwei unglaublich aufwühlende, beklemmende Lieder. Können Sie selbst diese Songs überhaupt hören?

Herbert Grönemeyer: Schlecht. Ich höre sie auch nicht mehr, für mich ist diese Platte jetzt erst mal tabu. Der Weg ist auch eine Nummer, die meine Kinder nicht so mögen, weil sie sie sehr traurig macht. Ich habe mit ihnen auch gesprochen und sie gefragt, meint ihr denn, dass ich das überhaupt singen kann, wenn euch das auch so traurig macht? Und sie  haben geantwortet: Es ist ja auch sehr traurig, und wenn du das geschrieben hast, musst du das auch singen. Ich fand das toll,  aber ich werde diese Lieder erst wieder in die Hand nehmen, wenn ich sie live spiele.

KW: Mir fällt dazu auch das erste Soloalbum von John Lennon sein, wo er auch über solche essentiellen Themen singt, sich mit dem Tod seiner Mutter auseinandersetzt und versucht, sich dem Unbegreiflichen zu nähern.

Herbert Grönemeyer: Es ist ein verzweifelter Versuch. Im Grunde genommen erzählt man die Geschichte sogar zwischen den Zeilen. Was ich erzählen will, steckt gar nicht in den Worten selbst, sondern steckt zwischen den Zeilen. Es ist der verzweifelte Versuch mit Worten etwas Unaussprechliches zu sagen, ja sich dem auch nur auf hundert Meter zu nähern. Aber auf der anderen Seite ist es eben so wie meine Kinder gesagt haben: Wenn du es geschrieben hast, dann musst du es auch singen. Und ich hätte es nicht geschrieben, wenn ich nicht das Gefühl gehabt hätte, ich müsste das schreiben. Wenn du so empfindest, dann schreib das auch! Das ist eine wahnsinnige Gratwanderung. Als ich diese Lieder den Kindern vorgespielt habe, haben sie geweint, und Alex fing auch an zu weinen. Das klingt jetzt so pathetisch, ich weiß. Aber der Mensch ist deswegen Mensch, weil er auch schwach ist. Wenn wir uns in der Schwäche nähern, dann treffen wir uns. Der Mensch trifft sich nie, wenn er über seine Erfolge redet und wie toll er ist, er trifft sich nur und ist sich im Grunde nur dann nahe, wenn er in der Lage ist, über seine Schwächen zu sprechen.

KW: Werden in solchen existentiellen Situationen Begriffe wie Pathos  und Kitsch nicht hinfällig?

Herbert Grönemeyer: Mit Sicherheit. Aber man muss schon genau gucken, wie präzise und wie fein man das macht. Man muss darauf achten, ob man das Ganze vielleicht schon zu zelebrieren beginnt. Aber wenn man bei sich bleibt und versucht, alles so detailliert wie möglich zu beschreiben und es nicht hochzuziehen, dann ist es in Ordnung. Dieses Gute-Nacht-Lied Dort und hier, das ist mir einfach passiert. Plötzlich ist mir der Flügel eingefallen und die anderen Bilder. Da steckt auch viel vom eigenen Unterbewussten drin, das sich aufgestaut hat über die Zeit. Ich war richtig geschockt, oh Mann, was hab ich denn da geschrieben? Bin ich da zu weit gegangen? Kann man so etwas überhaupt schreiben?

KW: Braucht es Mut, sich mit solchen Liedern an die Öffentlichkeit zu begeben und sein Innerstes nach außen zu kehren?

Herbert Grönemeyer: Wenn ich mich dieser Gefahr nicht stellen will, dann sollte ich aufhören, Musik zu machen. Das ist ja generell in der Kunst das Problem. Man stellt was zur Debatte und man sollte es, wenn’s geht, das auch so radikal wie möglich machen. Zumal das ein Thema ist, das uns alle angeht und von dem auch sehr viele Menschen betroffen sind. Bleibt alles anders habe ich damals für meine Frau geschrieben, und ich habe in den letzten Jahren immer wieder Briefe gekriegt und Mails gekriegt von Leuten, die mir schrieben, wie ihnen die Nummer durch die Chemotherapie geholfen hat. Ich schreibe aber meine Lieder nicht in der Hoffnung, dass es anderen hilft, ich versuche, meine Gefühle dezidiert zu beschreiben und möchte, dass es andere betrifft. Dann fängt der Kopf eines jeden sowieso selber an zu arbeiten. Der Tod ist ein Thema, mit dem sich letzten Endes jeder auseinandersetzen muss. Und es ist besser, den Tod grundsätzlich ins Leben mit einzubeziehen.

KW: Und doch sind Krankheit und Tod ein großes Tabu in unserer Gesellschaft und gleichzeitig das, was uns am meisten Angst macht.

Herbert Grönemeyer: Weil absurderweise in der westlichen Welt der Tod irgendwie auch als Scheitern gilt.  Wenn man stirbt, wenn man krank wird oder dahinsiecht, dann ist das immer auch eine Form von Scheitern. Was man nicht weiß, ist, dass zum Sterben unheimlich viel Kraft gehört. Zum Sterben gehört eine große Energie. Sich dem Moment zu stellen und den Moment auch zu gehen, das erfordert unglaubliche Kräfte. Und im Grunde genommen wissen wir das auch alle. Aber wir wollen nicht darüber reden. Wir sagen lieber, der Sauberkeitsphilosophie der Amerikaner entsprechend, Altern ist nicht gut, wir lassen uns liften und wollen immer schön jung aussehen. Das ist der grausame Versuch, sich von dem Thema, dem man sich nähert, immer weiter zu entfernen.

KW: Auf ihrem letzten Album Bleibt alles anders gab es schon Andeutungen auf das, was geschehen wird. Waren Zeilen wie „Keiner fängt für mich von vorne an“ nur eine Vorahnung oder schon mehr?

Herbert Grönemeyer: Eine Platte erzählt mir selber auch erst nach einem oder zwei Jahren ihre Geschichte. Aus der Distanz hat mich auch vieles  verwundert und verblüfft. Es gibt viele Dinge, die das Unterbewusstsein vielleicht schon vorher sieht. Allein dieser Satz „Bleibt alles anders“, dabei war das Lied eher gedacht als Versuch, alle Kräfte zu mobilisieren, die nötig sind, um mit dieser Situation klar zu kommen. Das sind Lieder, in denen Vorahnungen stecken, von denen man selber aber auch nichts wusste und die einem im Nachhinein richtig erschrecken.

herbert_groenemyer_now_11_03KW: Sind Sie im Lauf der Jahre dem Sinn des Lebens auf die Spur gekommen? 

Herbert Grönemeyer: Ich glaube, dass dieses Jahrhundert das Jahrhundert der Menschlichkeit wird, und dass der Mensch begreift, was ihm im letzten Jahrhundert abhanden gekommen ist, weil man so egomanisch und karrierebewusst war. Die Leute bemerken dieses Defizit an menschlicher Nähe, sie fühlen, dass ihnen etwas fehlt. Also gehen sie auf die Suche. Und sie werden begreifen, dass man Beziehungen zu anderen Menschen hat, weil der Mensch etwas ganz Spezielles geben kann. Und das ist nicht mit Geld zu bezahlen, und es hilft einem auch nicht weiter und man wird dadurch nicht erfolgreicher, aber es erfüllt einen einfach mit Leben. Ich habe das bei meinem Vater immer bewundert. Der hat seine Freunde seit seiner Studienzeit. Er ist jetzt 86 und hat immer noch sieben, acht Freunde, die ihm ganz nahe sind. Und weil er die hat, hat er auch immer so in sich geruht und war ein freudiger und zufriedener Mensch. Und ich denke, darum geht’s.

KW: Heißt das neue Album deshalb Mensch?

Herbert Grönemeyer: Dahinter steht die Erfahrung, die ich gemacht habe. Ich habe gerade in dieser Zeit unglaublich viel Menschlichkeit erfahren. Was mir letztendlich aus dieser schweren Situation geholfen hat, war die menschliche Nähe, die ich von Freunden erfahren habe. Das hat mir sehr viel Kraft gegeben und auch meinen Kindern. Ohne meine Freunde wäre ich ganz sicher nicht schon wieder so weit auf zwei Beinen, wie ich’s heute bin.

KW:  Sie haben gesagt, Sie hätten in dieser Lebenskrise bewusst Rückschau gehalten. Wie denken Sie heute über den 20-jährigen oder 30-jährigen Herbert Grönemeyer? Hätte er etwas anders machen sollen?

Herbert Grönemeyer: Mein Problem ist, dass ich eine unheimliche Dynamik habe. Aber nicht im positiven Sinne, das ist zum Teil etwas übertrieben. Ich habe unheimlich viel Energie und kann dadurch ermüdend sein. Peter Zadek hat einmal zu mir gesagt, ich sollte vor jeder Vorstellung erst mal einen Waldlauf machen. Diese Energie kann auch dazu führen, dass ich Dinge überrenne oder Dinge gar nicht sehe, die neben mir passieren, weil ich einfach manisch nach vorne laufe. Auf der anderen Seite ist diese Dynamik aber zum Teil auch das, was meine Musik ausmacht und wo sie ihre Kraft herkriegt. Der Riesenerfolg in den 1980er Jahren war wie ein Rennpferd, das man zügeln muss. Das schafft man nicht allein, aber auch für den, der das mitmachen muss, ist das eine enorme Belastung. Das Drama ist, dass das Leben immer rückblickend stattfindet. Man weiß hinterher immer besser, was man hätte tun sollen. Aber etwas mehr Gelassenheit hätte mir damals sicher gut gestanden.

KW: Musik und Sound auf Mensch sind auffallend vielschichtig und facettenreich: das geht von Electropop und TripHop a la Massive Attack bis zu punkigen Rockern. Wie kam es dazu?

Herbert Grönemeyer: Ich habe Alex Silva, mit dem ich das Album produziert und zwei Songs gemeinsam geschrieben habe, schon bei der letzten Platte kennen gelernt. Das ist fünf Jahre her und wir wissen inzwischen, was wir aneinander haben, und wir wollten das so mutig wie möglich auf Platte bannen. Wir haben viel experimentiert im Studio, zum Teil sehr demoartig die Sachen eingespielt und versucht, genau dieses Demoartige auch zu bewahren. Wir wollten das nicht unbedingt noch polieren. Es war ein Kampf miteinander, wir haben jede Nummer so weit ausgereizt, bis wir gesagt haben: Das ist es! Das verträgt die!

KW: Hat die pulsierende Musikmetropole London die Produktion von Mensch beeinflusst?

Herbert Grönemeyer: Ganz sicher. Die Engländer haben diese Attitüde, dass alles nicht so wichtig und wesentlich ist. Man muss hier nicht zur Universität gegangen sein, um Musik zu machen. Hier ist man erst einmal Popstar und guckt dann, was man machen kann. Das wäre für uns Deutsche undenkbar. In London ist alles so unprätentiös und unkompliziert, weil jeder ein Teil des Ganzen sind. Du hast hier auch einen wahnsinnig schnellen Zugang: Pino Palladino, einer besten Bassisten derzeit, hat auf dem Album Bass gespielt, und von der Single haben wir jetzt einen Remix von den Space Monkeyz machen lassen. Dieser Geist und die vielen verschiedenen Sachen, die hier passieren, das beeinflusst einen natürlich. Hier gibt es sogar einen eigenen Garagensender, der spielt den ganzen Tag nur Reggae, und das auch noch in Mono! Und natürlich will man, wenn man hier lebt, mit einer Platte auch zeigen, dass man etwas macht, mit dem man hier mithalten kann.

KW: Sie haben sich beim Projekt Pop 2000 und bei den Wiederveröffentlichungen der drei legendären Alben von Neu! auf ihrem Grönland-Label intensiv mit der deutschen Popgeschichte beschäftigt. War das auch Inspiration für die eigene  Musik?

Herbert Grönemeyer: Die Arbeit mit Neu! mit Sicherheit. Auf zwei Stücken ist ja auch dieser Neu!-Beat drunter, diese durchgedrehte Bassdrum, da bleiben schon Sachen hängen. Aber man nimmt nicht nur die Musik auf, sondern auch, wie die eigentlich denken und ticken. Man merkt, wie scharf die immer noch sind. Die haben sich, obwohl sie in Deutschland leben, nicht den Schneid abkaufen lassen. Ihre Platten sind jetzt dreißig Jahre alt und wenn man das heute auflegt, klingt das neuer denn je. Wir haben allein in England 30.000 Stück davon verkauft.

KW: Hat ihnen dieser Erfolg in der Londoner Szene mehr Glaubwürdigkeit und Respekt gebracht?

Herbert Grönemeyer: Natürlich! Wenn ich im „NME“ über eine Platte, die ich auf meinem Label veröffentliche, lese „That’s what we call music“ und da steht in Klammer 10 aus 10 drunter, da freue ich mich drüber. Natürlich sage ich nicht, das habe ich gemacht, aber mir ist es zumindest gelungen, Neu! wieder zusammenzubringen und diese alten Platten zu veröffentlichen. Die Plattenfirmen sind inzwischen unter einem solchen Finanzdruck und an der Börse, da schaufelt keiner den Spaß rein, die müssen sich plötzlich mit so vielen anderen Dingen auseinandersetzen, dass man Gefahr läuft sich zu verlieren und fragt, warum machen wir das eigentlich noch? Weil da plötzlich irgendwelche Wahnsinnigen sitzen, die den Laden zusammenkloppen, weil er Shareholder-kompatibel werden muss. Was wir als Label tun, das macht Spaß. Und genauso will ich meine eigenen Platten machen. Sie müssen mir Spaß machen, und sie sollen den Leuten, die sie hören, Spaß machen. Es muss etwas drin stecken, das eine gewisse melodische Radikalität hat. Ich versuche das, was ich mache, mit der nötigen Verve und mit Druck zu tun. Leute wie Neu! bestätigen mich in dieser Haltung.

KW: Können sie sich vorstellen, einmal nur noch die Plattenfirma zu betreiben und selbst keine Musik mehr zu machen und nicht mehr auf der Bühne zu stehen?

Herbert Grönemeyer: Das werde ich nach der nächsten Tour wissen. Vielleicht spiele danach nur noch in kleinerem Rahmen, in Theatern zum Beispiel. Ich habe in London Goldfrapp oder Manu Chao in Clubs gesehen und das hat eine wahnsinnige Qualität. Dass ich ganz aufhöre, öffentlich Musik zu machen, das kann ich mir nicht vorstellen. Aber es ist natürlich auch eine Frage, wie man würdig alt wird in der Branche. Ich will nicht in zehn Jahren noch über die Bühne heizen wie ein Stier. Jetzt will ich’s halt, und ich freue mich, dass ich wieder etwas gemacht habe, wo es sich lohnt, es live zu spielen. Diesen Hunger hat man schon.

KW: Haben sie schon eine Ahnung, wie es für den Künstler Herbert Grönemeyer nach einer so tiefschürfenden essentiellen Platte wie Mensch weitergehen wird?

Herbert Grönemeyer: Ich hoffe, dass, wenn ich die Platte selber verdaut und verstanden habe, daraus etwas entsteht, das wieder etwas leichter und luftiger wird. Es war mir jetzt halt unmöglich, leichte Sachen zu schreiben. Das ging einfach nicht.

KW: Und wie soll es für den Menschen Herbert Grönemeyer weitergehen?

Herbert Grönemeyer: Das Wichtigste ist, dass ich wieder zurückkomme in mein Privatleben. Ich war speziell in den letzten drei Monaten sehr egomanisch auf mich fixiert, also auch ein bisschen von meinen Kindern weg, und ich  muss wieder zurück zu ihnen. Ich bin jetzt alleinerziehender Vater, da habe ich eine andere Verantwortung. Das ist für Künstler nicht das Allerleichteste, aber ich denke, das ist heute das Wichtigste.

KW: Herr Grönemeyer, ich danke für dieses Gespräch.

Herbert Grönemeyer, Mensch, Grönland/EMI, 2002

(Erstveröffentlicht in: now!, Nr. 11, September 2002, komplett überarbeitet im April 2021)

© Abbildungen: EMI/Anton Corbijn & now!

Record Collection N° 138: Massive Attack „Blue Lines” (Virgin Records, 1991)

Das famose Debütalbum von Massive Attack ist die Geburt des TripHop.

Boom, bababoom, bababoom, bababooooom. Beeinflusst vom HipHop-Film Wild Style gründeten 1983 in der englischen Stadt Bristol junge Musiker, DJs, Rapper und Graffiti-Künstler wie Grant Marshall (Daddy G), Robert Del Naja (3-D), Andrew Vowles (Mushroom) und Nellee Hooper nach dem Vorbild amerikanischer HipHop-Crewsund jamaikanischer Sound Systems das Musikerkollektiv The Wild Bunch. Die nächsten Jahre waren sie die coolsten Jungs in der Stadt mit den schärfsten Klamotten, den tollsten Partys, den besten Platten. 1988 trennte man sich. Nellee Hooper wechselte zu Soul II Soul, die anderen gründeten Massive Attack. Das Weitere ist Pop- und TripHop-Geschichte.

Anfang 1991 veröffentlichten Massive Attack ihr Debütalbum Blue Lines. Große musikalische Intensität paarte sich mit minimalistischen Beats und Sounds und mächtigen Basslinien, die so geschmeidig wie ein Panther aus den Boxen schleichen. Massive Attack entdeckten inmitten des dominierenden Techno-Donners der Rave-Ära die Langsamkeit, und revolutionieren so die britische Dance Music und Club-Kultur. Beeinflusst vom jamaikanischem Reggae aus dem legendären Studio One von Coxsone Dodd in Kingston, dem psychedelischem Rock von Pink Floyd, Punk von The Clash und PIL, epischem Soul von Isaac Hayes und Old-School-Rap von Grandmaster Flash oder Eric B. & Rakim, formten Massive Attack auf Blue Lines ihren eigenen, unverwechselbaren Sound, und schufen damit ein stilbildendes Album. Die folgenden Debütplatten von Tricky oder Portishead, die  eingerauchten Downtempo-Tracks des Mo’ Wax-Labels und der restliche TripHop wären ohne Massive Attack und ihre  magischen Zeitlupen-Grooves nicht denkbar.

Massive Attack veredelten Blue Lines bis zur Perfektion: Soul-Sängerin Shara Nelson und Roots-Reggae-Veteran Horace Andy tauchten mit ihrem leidenschaftlichen Gesangdie Soul-Symphonien Unfinished Symphony, One Love oder Safe From Harm in tieftraurige Melancholie. Die Rapper Tricky (Kid), Daddy G. und 3-D schickten mit dem lässigen, schläfrigen Flow ihres Sprechgesangs dieselben Stücke und den Titelsong, Five Man Army und Daydreaming auf einen Trip in ein Paralleluniversum. Dessen Farbe: Blau, Tiefblau.

Kurz nach Erscheinen von Blue Lines benannte sich das Musik-Kollektiv aus Bristol wegen des Golfkrieges und der dort verwendeten Phrase „Massive Attack“ für die Flächenbombardierungen in Massive um. 1994 kehrte man zum ursprünglichen Bandnamen Massive Attack zurück.

Kurz nach Erscheinen von Blue Lines benannte sich das Musik-Kollektiv aus Bristol wegen des Golfkrieges und der dort verwendeten Phrase „Massive Attack“ für die Flächenbombardierungen in Massive um. 1994 kehrte man zum ursprünglichen Bandnamen Massive Attack zurück.

Das Album: Aufgenommen in Bristol und London im Winter 1990/91. Veröffentlicht im März 1991. Höchste Chartsplazierung: 13 (Großbritannien). Das Massiv-Attack-Kollektiv: 3-D (Stimme, Instrumente, Grafik), Daddy G (Stimme, Instrumente), Mushroom (Keyboards), Shara Nelson (Stimme), Horace Andy (Stimme), Tricky Kid (Stimme). Produzent: Massive Attack und Jonny Dollar.

Massive Attack Blue Lines, Virgin Records, 1991

© Massive Blue Lines Pics shot by Klaus Winninger

Record Collection N° 01: The Beatles „1962-1966“ (Apple Records/EMI, 1973)

Das Rote und das Blaue Doppelalbum der Beatles sind das Fundament jeder Plattensammlung, die sich selbst respektiert.

Die beiden erstmals im April 1973 veröffentlichten ikonischen Doppelalben der Beatles, das Rote Album, The Beatles 1962-1966, und das Blaue Album, The Beatles 1967-1970, sind die Bibel von Pop und Rock, das Alte und das Neue Testament. Sie wurden zuerst am 2. April 1973 in den USA veröffentlicht, am 6. April in Deutschland, Österreich und der Schweiz, und erst am 19. April in ihrer Heimat Großbritannien.

Davor gab es keine richtige Best-Of-Platte der Beatles. Zu schnell rasten John, Paul, George und Ringo mit ihren Singles, EPs und Alben von 1962 bis 1970 dahin. Das Rote und das Blaue Album der Beatles sind nicht komplett, wie auch, aber sie sind perfekt. Umwerfend sowieso. Ihr Tracklisting ist mir in Fleisch und Blut übergegangen.

Yeah! Yeah! Yeah! 1962-1966 startet auf der A-Seite der ersten LP mit der ersten Single Love Me Do, darauf folgt Please Please Me, ihr erster Nummer-1-Hit, zugleich der Titelsong ihres epochemachendes Debütalbums, das sie an einem Tag in den Londoner Abbey Road Studios mit ihrem Entdecker und Produzenten George Martin einspielten. Nach den hinreißenden Singles From Me To You, She Loves You und I Want To Hold Your Hand, aus jener Zeit, als die Beatles einmal gleich die ersten fünf Plätze der US-Hitparade belegten, kommt All My Loving vom zweiten Beatles-Album With The Beatles und der Riesenhit Can’t Buy Me Love vom grandiosen Soundtrack des ersten Kinofilms der Beatles. Dessen Titelsong A Hard Day’s Night eröffnet die B-Seite der zweiten LP. Die zauberhafte Ballade And I Love Her und Eight Days A Week vom unterschätzten vierten Beatles-Longplayer Beatles For Sale folgen. Die brisante Single I Feel Fine mit ihrem famosen verzerrten Stromgitarrenintro sowie das gigantische Ticket To Ride und Paul McCartney‘s Jahrhundert-Smash Yesterday vom fünften Beatles-Album, dem gleichnamigen Soundtrack-Album zu ihrem zweiten Kinostreifen Help!, folgen.

Die A-Seite der zweiten LP beginnt mit dessen großartigem Titelsong, einem persönlichen Hilferuf von John Lennon, dem die Tretmühle der Beatlemania und seine unbewältigten Kindheitstraumata zusetzten. Danach die fabelhafte Akustikgitarrenballade You’ve Got Hide Your Love Away, welche die Beatles in Help! in einer lässigen Szene cool zum Besten geben. Es folgt die fetzige Doppel-A-Seiten-Single We Can Work It Out und Day Tripper. Sowie das funkige Drive My Car und die Folkrock-Ballade Norwegian Wood (This Bird Has Flown), von Rubber Soul, ihrem zweiten Albummeisterwerk, das stark von Bob Dylan beeinflusst war.  Auf der B-Seite der zweiten LP gibt es mit Nowhere Man, Michelle, In My Life und Girl vier weitere Hochkaräter von Rubber Soul. Sowie mit Paperback Writer eine starke Single, die auf keinem regulärem Beatles-Album zu hören war, und zwei herrliche Songs von Albummeisterwerk Nummero drei Revolver, Paul McCartneys Eleanor Rigby und das von Ringo Starr herrlich intonierte Yellow Submarine.

Als ich noch ein junger, taschengeldloser Spund war, hat mir meine liebe Mutter, das Rote und das Blaue Album der Beatles gleich nach Erscheinen in Linz gekauft, in einem Plattengeschäft auf der Landstraße, und damit quasi meine Beatlemania ausgelöst. Danke, Mama.

The Beatles 1962-1966, Apple Records/EMI, 1973

Das Rote Album Pics © Klaus Winninger

Record Collection N° 95: Leonard Cohen „Live In London” (Columbia Records, 2009)

Leonard Cohens triumphale Rückkehr auf die Bühne in Ton und Bild.

Geldgierigen Finanzhaien verdanken wir nicht nur die Weltwirtschaftskrise ab 2007, wir schulden ihnen auch die Abschiedstournee von Leonard Cohen, des großen, alten Weisen der Singer-Songwriter-Zunft, der am 21. September 2009 seinen 75. Geburtstag feierte. Dass er in diesem Alter noch einmal seine Lieder auf Tourneebühnen singen würde, dürfte nicht sein Lebensplan gewesen sein.

Sein letztes Studioalbum, das 2004 veröffentlichte Dear Heather, wirkte ganz wie eine  Abschiedsplatte, deren zart verwehende Lieder blieben auf der 2009er Comeback-Tournee aber ausgespart. Anno 2004 entdeckte Leonard Cohens Tochter, dass seine Finanzberaterin die Dollarmillionen in seiner Pensionskasse veruntreut hatte. Er war also gezwungen wieder aktiv werden, um seinen Lebensabend zu finanzieren. 15 Jahre und mehr hatte er allen lukrativen Angeboten widerstanden, zeitweilig in einem buddhistischen Kloster gelebt. Beim Tourneestart war Cohen schon 73 Jahre alt.

Diese Live-Aufnahme von Leonard Cohens 2008er Tournee wurde am 17. Juli in der 20.000 Menschen fassenden O2 Arena in London aufgenommen und ist erhältlich als Doppel-CD, auf Vinyl und auf DVD. „It’s wonderful to be gathered here, on just the other side of intimacy“, merkte der Sänger in London und wohl auch bei den meisten anderen Konzerten mit dem für ihn typischen trockenem Witz an. Und doch wirkt eine jede seiner druckreifen Ansprachen ans Publikum genauso wie die dargebotenen Songs wie für diesen einen innigen Konzertmoment gemacht und so, als würde Cohen jede einzelne Person vor der Bühne direkt ansprechen. Dass der Sänger, seine drei stimmlich betörenden Chorsängerinnen und seine Band von Weltklassemusikern, denen er viel Raum lässt, um ihr virtuoses Können ausspielen zu können, praktisch in Zimmerlautstärke musizieren, erhöht nur die Intimität des Augenblicks. Seine Konzerte waren tief berührende Erlebnisse, was ich als Augen- und Ohrenzeuge des Münchner Konzerts im Oktober 2008 bestätigen kann.

Leonard Cohen hat eine unglaublich charismatische Bühnenpräsenz: Mit dem markanten faltigen Gesicht und den schlohweißen Haaren sieht er mit seinen 74 Jahren keinen Tag älter aus als 75. Cohen  ist die Coolness in Person, trägt Nadelstreifanzug und einen dunklen Filzhut, den er mehr als nur einmal hochachtungsvoll vor dem Publikum zieht. Mit seiner ganzen Erscheinung und der tiefen Brummstimme zieht er alle im Auditorium unwiderstehlich in seinen Bann. Er genießt dies sichtlich, verweist aber oft demütig auf seine Musiker und Sängerinnen, holt sie ins Scheinwerferlicht und würdigt ihr Können.

Die Songliste konzentriert sich überraschend auf die Lieder seines zweiten kreativen Booms, Ende der 1980er, Anfang der 1990er: von Ain’t No Cure For Love und Tower Of Song über I’m Your Man und First We Take Manhattan bis zu The Future, Anthem, Democracy oder Everybody Knows, die die spätere Weltkrise schon prophezeit haben. Dazu kommen einige Songs seiner mittleren Schaffensjahre wie Dance Me To The End Of Love und das unsterbliche Hallelujah.

Es gibt aber auch unverzichtbare Klassiker aus den 1960ern und 1970ern: Suzanne, bei dem Cohen selbst zur Gitarre greift, Bird On The Wire, Hey, That’s No Way To Say Goodbye, Who By Fire und So Long, Marianne. Beim mitgeschnittenen Konzert in London gibt es sogar das zauberhafte Sisters Of Mercy, das auf dieser Tournee eher selten gespielt wurde, anderswo sang er stattdessen wie in München das tiefblaue Famous Blue Raincoat.

Am Ende bedankt sich Leonard Cohen beim Publikum, dass es seine Lieder all die Jahre über am Leben erhalten hat. Die von seinen Liedern bewegten Zuhörer danken es ihm vollauf beglückt zurück.

Leonard Cohen Live in London, Columbia 2009

(Album des Monats in: now! N° 77,  April 2009, komplett überarbeitet im Juli 2020)

Record Collection N° 33: The Beatles „Please Please Me“ (Parlophone, 1963)

„One, two, three, four!“ – Als Paul McCartney den Urknall der Beatlemania einzählte.

„One, two, three, four!“ – Der 20-jährige Paul McCartney zählt so nicht nur den elektrisierenden Beat-Kracher I Saw Her Standing There ein, den Auftaktsong des Debütalbums der Beatles. Pauls „One, two, three, four!“ ist zugleich die Initial-Zündung für den Urknall des Pop und Rock der 1960er, der Beatmusik. Die Erfindung des Sounds, wie eine Rock- und Popband ab sofort klingen sollte. Energiegeladene Schlagzeug-Beats, melodiös pumpende Bassläufe, das scharfe, dynamische Duo von Rhythmus- und Sologitarre, bestechende Gesangsharmonien.

Zehn der der 14 Songs von Please Please Me wurden mit Produzent George Martin, einem typisch britisch distinguierten Gentleman, binnen zehn Stunden am 11. Februar 1963 in den Londoner Abbey Road Studios aufgenommen – obwohl die Beatles eigentlich gerade auf einer mit der englischen Popsängerin Helen Shapiro waren. Die Aufnahmen wurden wegen ihres ersten britischen Nummer-1-Hits Please Please Me angesetzt, mit dem sich die vier Musiker aus Liverpool sofort von den Dutzenden anderer ambitionierter englischer Gitarrenbeatbands absetzten, die Anfang der 1960er diesseits des Atlantiks dem Rock’n’Roll-Spirit von Elvis Presley & Co. nacheiferten.

Ihren rauen, furiosen Stromgitarren-Rock’n’Roll hatten die Beatles in Hunderten von Live-Auftritten in kleinen Szene- und Kellerlokalitäten wie dem Cavern Club in ihrer Heimatstadt Liverpool oder dem Star Club in Hamburg von der Pike auf gelernt, ebenso die schmusigen Herzdrückballaden zum Verschnaufen zwischendurch. Auf der Plattenhülle der von einer deutschen Programmzeitschrift „Hör Zu“ herausgegebenen Sonderauflage von Please Please Me lockte der Werbespruch „Die zentrale Tanzschaffe der weltberühmten Vier aus Liverpool“. Falsch war das nicht, denn selbst zu den langsameren Songs auf der Platte ließ sich ob ihres lässig schäkernden Grooves gut tanzen.

Die englische Originalhülle zeigt das legendäre Foto der Fab Four im Stiegenhaus des Londoner EMI-Hauptquartiers. Ende der 1960er stellten die Beatles mit wallenden langen Haaren und Bärten das Foto noch einmal nach – für das Cover des letztlich nicht realisierten Get Back-Albumprojekts. Auf der Cover-Rückseite die schlichte Vorstellung der vier jungen Musiker, man beachte die Reihenfolge: George Harrison (Sologitarre, noch keine 20 Jahre alt), John Lennon (Rhythmusgitarre, 22), Paul McCartney (Bassgitarre, 20), Ringo Starr (Schlagzeug, 22).

Vier Namen, die man sich fortan merken sollte. Ihr hochenergetischer Mix aus Rock’n’Roll-Krachern und Schmachtfetze – aus acht klasse Eigenkompositionen und sechs gut gewählten fremden Songs aus ihrem erprobten Live-Programm – kündigte Großes an. Eingerahmt wird Please Please Me von zwei der zündendsten Dynamitrocker, die die Beatles je aufgenommen haben. Das selbst geschriebene I Saw Her Standing There geht gleich zu Beginn gewaltig los. Die Lichter bläst am Ende der welterschütternde Rock’n’Roll von Twist and Shout aus, das sich die Beatles genauso selbstverständlich zu Eigen machen wie auch alle anderen Coverversionen hier.

Während John Lennon sich ohne Rücksicht auf seine malträtierten Stimmbänder durch Twist and Shout schreit, schmachtet er Burt Bacharachs Baby It’s You mit großer Leidenschaft. Paul McCartney zeigt in A Taste Of Honey schon einmal den charmant charismatischen Romantiker, allerdings einen mit rauer Schale. Und der von Carole King geschriebene Girl-Group-Hit Chains wird von John, Paul & George mit funkelndem Harmonie-Gesang vorgetragen, der auf den 2009er Beatles-Remasters noch brillanter strahlt.

Die Gesangsparts zählen neben Bass und Schlagzeug zu den großen Gewinnern der neuen Remasters des Beatles-Katalogs. Welche Nuancen der kraftvoll klare, transparenter abgestimmte Sound jetzt hörbar macht, tritt auch in Boys zu Tage, das Schlagzeuger Ringo singt. Die Rhythmus-Gruppe mit Ringo Starrs dynamischem Getrommel und Paul McCartneys druckvollem, hochmelodiösem Bassspiel ist eine Offenbarung und auch George Harrisons schneidige Sologitarre fetzt voll in der Manier von Country-Gitarrist Chet Atkins. Die Eigenkompositionen, die hier übrigens noch dem Duo McCartney/Lennon zugeschrieben sind – ab dem zweiten Album With The Beatles sollte es Lennon/McCartney heißen –, werden von den beiden Hitsingles Love Me Do und Please Please Me angeführt – zwei famose Rock’n’Roller, denen Misery oder There’s A Place nicht nachstehen. Süßlich säuselnd hingegen die Balladen P.S. I Love You, Ask Me Why und das von George Harrison gesungene, verführerische Do You Want To Know A Secret.

Die 1987er CD-Ausgabe brachte die ersten vier Alben der Beatles im klassischen Mono-Sound, der stumpf und dumpf aus den Lautsprechern kam. Die 2009er Remasters präsentieren dagegen erstmals George Martins Stereo-Mix aus den 1960ern auf CD – mit der  gewöhnungsbedürftigen Links-/Rechts-Aufteilung von Instrumenten und Stimmen, die in vollem Effekt aber schon enormen Druck machen kann. Die in der The Beatles In Mono-Box neu remasterte, originale Monoversion klingt noch energiegeladener, rauer, wilder – voll auf den Punkt. Ganz abgesehen davon, dass die Beatles selbst aus dem läppischsten Plastikradio und der dumpfesten Küchenmaschine noch hinreißend rausrocken – so gut wie jetzt haben die Beatles seit den alten Vinyl-Scheiben der 1960er nicht mehr getönt.

Please Please Me wirkt auch 57 Jahre nach seinem Entstehen hoch brisant, vollgeladen mit juveniler Energie und unwiderstehlichem Enthusiasmus.

The Beatles Please Please Me, Parlophone, 1963/2009

© Please Please Me Pics by Klaus Winninger

B-Logbook 22.03.2021: Lana Del Rey’s New Album “Chemtrails Over The Country Club” Arrived Today

Lana Del Rey’s seventh studio album Chemtrails Over The Country Club was released on Friday, today the postman dropped it in the mailbox, even a day earlier than expected. Pleasure.

Most of the songs are co-written again with Lana’s longtime-collaborator Jack Antonoff  (also of Taylor Swift fame), who played most of the instruments himself. It’s quite a low-key affair, cool and sublime in Del Rey’s typical style, Lana singing and whispering in her poetic lyrics maybe about herself, maybe not, it doesn’t make a difference as the album is a fine piece of art, pop art if you like.  And at the end she’s covering Joni Mitchell’s classic For Free. Welcome to the Laurel Canyon of the 21st century.

Lana Del Rey Chemtrails Over The Country Club, Polydor Records, 2021

B-Logbook 20.03.2021: When The Night Comes

When the night comes, there’s a light. If you’re lucky, it’s the green light of your old lava-lamp.

Bücher lesen: Mal ein Martin-Suter-Buch, Soloalbum quasi.

Nach Alle sind so ernst geworden von Martin Suter & Benjamin von Stuckrad-Barre wird es mal Zeit für ein Buch von Martin Suter, ein Soloalbum quasi. Ich gestehe, ich habe zwar sehr viele (auch gelesene) Stuckrad-Barre-Bücher im Regal stehen, aber kein Suter-Buch (auch noch keines gelesen). Nach dem wunderherrlich vergnüglichen Buch der beiden, Alle sind so ernst geworden, das selbst Queen Elizabeth II. amüsieren sollte, vielleicht mal Die dunkle Seite des Mondes, einen Suter-Klassiker, oder seinen jüngsten Krimi Allmen und der Koi von 2019, den ich schon mal lesen wollte, nachdem ich Suters cool gewitzten Auftritt in „Willkommen Österreich“ gesehen hatte. Aber wie John Lennon sagte, das Leben passiert einfach, während man eifrig andere Pläne macht. Jetzt aber pronto ein Suter-Buch.

Und das ist Martin Suters Auftritt in „Willkommen Österreich“ vom 27. November 2019.

Martin Suter, Die dunkle Seite des Mondes, Diogenes, Taschenbuch 2001

Martin Suter, Allmen und der Koi, Diogenes, 2019

© Willkommen Österreich, ORF