Turntable / Plattenspieler N°13: Paul Weller „As Is Now”

Paul Wellers achte Solo-LP verknüpft die losen Fäden seiner Karriere zu einem weiteren reifen Meisterwerk.

Gleich vorweg: As Is Now, das neue, achte Soloalbum von Paul Weller, ist rundum gelungen, ja brillant – ein Musiker und Songschreiber auf dem (vorläufigen?) Gipfelpunkt seines Schaffens. Was sich schon auf dem 2002er Werk Illumination,  aber auch auf seinen letzten Tourneen abzeichnete, findet hier seine Vollendung. Paul Weller hat die latent schwelende, kreative Krise der späten 1990er Jahre überwunden, als er wohl zu verbissen um seine Muse rang und zugleich mit dem unausweichlichen Älterwerden haderte. Und auch die  plötzliche Schreibblockade, die er 2004 mit der spielerisch leichten und in ihren besten Momenten zauberhaften Coverversionen-Platte Studio 150 überbrückte, scheint wie weggeblasen.

Seine kreative Muse, 2002 auf Illumination schon in voller Blüte, kehrte rascher als zu erwarten war, wieder zu ihm zurück. Lange hat Paul Weller ja versucht, seine musikalische Vergangenheit bei The Jam und The Style Council zu ignorieren, auch das vielleicht ein Grund, warum er mitunter gar so verkrampfte. Jetzt aber hat er seinen Frieden mit seiner Geschichte, seinen Triumphen und seinen Tiefschlägen, gemacht. Auf As Is Now verknüpft er erstmals alle losen Fäden seiner Karriere zu einem großen reifen Meisterwerk, dem besten seiner ganzen Solokarriere, die er Anfang der 1990er als 34-Jähriger gestartet hat.

Damals hatte Paul Weller schon zwei erfolgreiche Karrieren hinter sich gelassen. Als zorniger, ungestüm leidenschaftlicher Sänger, Gitarrist und Songschreiber von The Jam, jenem Trio, das er schon als 17-Jähriger gründete, mit 19 zum ersten Mal in die britischen Charts führte, und als 24-Jähriger auf dem Höhepunkt des Erfolg wieder auflöste, was ihm viele Fans bis heute nicht verziehen haben. Nur weil Weller nicht länger als Sprecher seiner Generation in Geiselhaft genommen werden wollte. Er gründete stattdessen mit Mick Talbot, einem Soul-Bruder im Geiste, das Musikerkollektiv The Style Council, das mit großer Spielfreude und befreiender Offenheit im weiten Land zwischen Soul, Funk, Jazz, Rhythm & Blues und purem Pop sowie zuletzt sogar mit clubtauglichen House-Rhythmen  experimentierte.  Seine  Solokarriere war geprägt vom Ringen um Inspiration, von Standortbestimmung und Sinnsuche des älter gewordenen Musikers und von seiner ungebrochenen Liebe und Leidenschaft zur Musik, zum Rhythm & Blues und Soul, zum Mod Rock der Small Faces, The Who oder Kinks.

Begleitet von seiner famosen aktuellen Band mit Steve Cradock (Lead Guitar & Vocals), Steve White (Drums) und Damon Minchella (Bass Guitar) rockt Paul Weller (Vocals, Rhythm Guitar, Piano) auf As Is Now deutlich kraftvoller und lauter als auf seinen  letzten Platten, die 14 neuen Songs tönen aber dennoch vielschichtig und abwechslungsreich. Mitunter möchte man meinen, Weller hätte sich einer Frischzellenkur unterzogen. Auf As Is Now wird wie bei den nur kurz dauernden Aufnahmesessions nicht lange gefackelt. Der Albumtitel ist Programm: Wo etwa ein Neil Young heute vermehrt in der Vergangenheit schwelgt bzw. von der Gegenwart Abschied nimmt, stehen Wellers neue Songs voll im Hier und Jetzt.

As is Now beginnt gleich überraschend stark und energiegeladen, mit drei von Paul Wellers feinsten Songs: „Blink and You’ll Miss It”, das einmal mehr Veränderung und Vergänglichkeit thematisiert, „Paper Smile” und „Come On/ Let’s Go” verbinden die brisanten Gitarrenriffs der frühen Jam mit schwelgenden Melodien. Das furiose „From The Floorboards Up”, die erste Single aus dem Album, ein punkiger Rhythm & Blues-Stomper, huldigt im messerscharfen Stakkato-Gitarrenriff Takt um Takt einem von Wellers Jugendhelden, nämlich Wilko Johnson, dem Wahnsinnsgitarristen der genialen, englischen Prä-Punkband Dr. Feelgood. Im beschwingten „Here’s the Good News” oder dem bezaubernden Liebeslied „The Start of Forever” erweitert Weller die Klangpalette um Klavier, Bläser und Akustikgitarren.

In „Pan“, das den Gott der Schöpfung, eines neuen Morgen und Neustarts besingt, wagt Weller sich in spirituelle Regionen wie John Coltranes Jazz-Klassiker Love Supreme. Das ländlich-folkige „All On A Misty Morning” feiert schöne Frühlingsgefühle.  „I Wanna Make it Alright“, mit delikater Sologitarre, und „Fly Little Bird“ sind weitere zarte, wonnige Liebeslieder. Das wunderhübsche „Roll Along Summer”, mit Saxophon-Solo, erinnert sich an den himmlischen „Long Hot Summer” von The Style Council.

„Savages“ ist ein, von Weller schon länger nicht mehr so gekanntes, zornig-leidenschaftliches Lied über die katastrophalen Zustände auf unserem Planeten. Das grandiose, siebenminütige „Bring Back The Funk Pts 1 & 2“, das knackig groovt wie früher Style Councils “Money-Go-Round” ist ein Manifest unstillbarer Sehnsüchte. Und mit „The Pebble and The Boy“ gibt es noch besinnliches Balladenfinale im Klavier-und-Cello-Arrangement, wie es Weller vielleicht schon früher vorgeschwebt sein mag, ihm so aber noch nie gelang.

Alles von Meisterhand hier: As Is Now ist eine großartige, mitreißende und glücklicherweise auch herzwärmende Platte. Umso mehr als Vinyl-Doppel-LP im dicken Kartonklappcover und mit lässig gestylten, fest kartonierten Innenhüllen, auf denen die Songlyrics (gut lesbar) abgedruckt sind. „This record was made over the space of two weeks in March, April & May”, schreibt Paul Weller innen am Cover. „The spring months recorded in a beautiful wooden barn, all played live as you hear it now. It was a joy to make. We hope you like it.” Yes, we do.

Paul Weller, As Is Now, V2 Records, 2005

(now!, Nr. 42, Oktober 2010, im April 2017 überarbeitete und erweiterte Fassung)

Paul Weller „Heliocentric”

 

 

 

 

 

 

 

Kein neues, brillant funkelndes „Wild Wood“ oder „Stanley Road“, aber der Modfather ringt weiter ehrenhaft um seine Muse.

Paul Wellers fünfte Soloplatte. Das Album nach Modern Classics, Wellers nach den Retrospektiven seiner Bands The Jam und The Style Council schon dritter Greatest-Hits-Kollektion, die auch den letzten Skeptikern deutlich gemacht haben sollte, dass Paul Weller mit Recht einer der großen Säulenheiligen  der britischen Pop- und Rockmusik der letzten drei Jahrzehnte ist. Doch es scheint schwieriger zu werden, sich einer neuen Platte von Weller zu nähern: als langjähriger Fan und Wegbegleiter schwankt man zwischen der Hoffnung, dass Weller erneut brillante Songs wie etwa auf Stanley Road abliefert, die einem noch immer etwas zu sagen haben und einen berühren, und der unguten Vorahnung, dass der Meister vielleicht doch nur noch Mittelmaß zu produzieren vermag. Nach dem ersten Hören hätte ich Heliocentric irgendwo dazwischen eingereiht. Nimmt man sich die nötige Zeit, genauer hinzuhören und tiefer in die Songs einzutauchen, wächst Heliocentric zu einem fast so (aber halt nicht ganz so) gehaltvollen Werk wie Stanley Road (1995) oder Wellers erste zwei Soloplatten heran, dem vor Energie und neuem Selbstvertrauen fast berstenden, selbstbetitelten 1992er Solodebüt, und dem traditioneller, ländlich US-amerikanisch rockenden Erfolgslongplayer Wild Wood von 1993.

Des Künstlers bekannt leidenschaftliches Ringen um Inspiration dürfte seine Kreativität beim Songschreiben und den Aufnahmesessions im Studio schließlich aber doch mehr gefördert denn gehemmt haben. Der Auftakt, die kalifornisch rockende Single „He’s The Keeper“, „Sweet Pea, My Sweet Pea“, ein einfühlsames Lied für seine kleine Tochter, der Öko-Song „A Whale’s Tale“, das pastorale, orgeldominierte „Picking Up Sticks“ sowie die emotional eindringliche Countryrock-Ballade Dust And Rocks setzen den Weg des in den 1990ern von Weller kreierten Folkrock-Sounds fort, in dem sich unterschiedliche Einflüsse wie die englischen Modrocker von den Small Faces, Steve Winwoods britisch-psychedelische Band Traffic, der englische Singer-Songwriter Nick Drake, dessen Streicherarrangeur Robert Kirby hier einige Songs allerfeinst orchestriert, und die US-amerikanischen Hippierocker Crosby, Stills, Nash & Young wiederfinden.

Manche Songs von Heliocentric knüpfen allerdings an Paul Wellers eigene ruhmreiche musikalische Vergangenheit an. Soulige Stücke wie „Back In The Fire“ oder „Love-Less“ erinnern ein wenig an The Style Council, wenn diese keine poppige Soul-Jazz-Combo, sondern eine gitarrengetriebene Rockband gewesen wären. Und das fatalistische „There’s No Drinking, After You’re Dead“  hätte nicht nur jedes Album von Paul Wellers erster famoser Band The The Jam geadelt, sondern auch jede seiner Soloplatten, und es ist neben der Ballade „Dust And Rocks“ und „Picking Up Sticks“ einer der herausragenden Momente hier. Wobei es sich um keine stumpfe Trinkerhymne handelt, sondern um die schlichte Erkenntnis, dass man sein Leben Tag für Tag so intensiv wie möglich leben solle, weil schon morgen alles aus und vorbei sein könnte. Obwohl der 42-jährige Paul Weller als Songlyriker in den letzten mehr als zwanzig Jahren schon mal inspirierter gewesen sein dürfte als heute, versteht er es noch immer als Komponist, als Musiker und Sänger mit seinen neuen, gefühlstrunkenen Songs zu bewegen.

Paul Weller, Heliocentric, Island Records, 2000

(LJour, Mai 2000, im April 2017 stark überarbeitete und erweiterte Fassung)

Turntable / Plattenspieler N° 14: Paul Weller „Saturns Pattern”

Paul Wellers zwölfte Solo-LP  ist ein maßgeschneidertes, perfekt tailliertes Werk.

Saturns Pattern ist Mitte Mai 2015 erschienen. Nach der schwierigeren Kost seiner 2012er Platte Sonik Kicks, mit bis zum Anschlag überdrehten, überlangen und mitunter unlocker bombastischen Soundexperimenten, mit denen ich nicht so recht warm geworden bin, findet Paul Weller mit Saturns Pattern wieder zurück  in die Spur der stilistisch vielfältigen Songsammlung 22 Dreams von 2008  und des furioser rockenden Wake Up The Nation (2010).

Dennoch habe ich Saturns Pattern anno 2015 praktisch überhört, und das hatte seinen Grund. Ich hatte den Fehler gemacht, mir schnell, schnell bei Veröffentlichung einen schnöden MP3-Download zu kaufen. Der Sound hundertprozentiges MP3-Kompost, das ohne Lupe mitgelieferte Mini-Booklet habe ich am Laptop genau einmal durchgeblättert. Mangels handgreiflicher Präsenz und sinnlicher Erfahrung ging Saturns Pattern mehr oder weniger an mir vorbei. Ein, zwei gleich beim ersten Hören auffälligere Songs, „I’m Where I Should Be“ und „Pick It Up”, kopierte ich in eine Playlist, das war’s.

Aber nur bis hierher, und nicht weiter. Vor ein paar Wochen habe ich nämlich anstatt auf hoffnungslos überteuerte Record Store Day-Raritäten zu spekulieren, mal wieder ein paar LPs gekauft. Neben Bob Dylans schöner Dreifach-LP Triplicate (darüber noch mehr auf diesen Seiten) auch Paul Wellers Saturns Pattern. Eine gute Investition, weil vorbildlich aufgemacht: 180 Gramm Vinyl-LP, Klappcover, bebilderte Innenhülle, schönes Booklet im LP-Format auch ohne Lupe gut lesbaren Texten und Infos, sowie ein MP3-Download-Code (für mich ja verzichtbar). Alles so, wie es sein sollte.

Erst recht die Musik, Paul Wellers neue Songs, ein beim Hören quasi greifbares Erlebnis. Wo sein Vorgänger aus allen Nähten platzte, ist Saturns Pattern ein maßgeschneidertes, perfekt tailliertes Album mit gerade mal neun neuen Weller-Originalen, aber diese haben es in sich. Sie tönen fokussierter, beschränken sich aufs Wesentliche, integrieren die brisanten Soundexperimente zwingender als noch auf Sonik Kicks.

Produziert und zum Teil auch an den Songs mitgewirkt hat Jan Stan Kybert, der  seit dem 2002er Album Illumination schon als Toningenieur in Paul Wellers eigenen Black Barn Studios arbeitet und bei As Is Now schon Wellers Co-Produzent war. Jetzt ersetzt Kybert erneut Simon Dine, der von Illumination bis Sonik Kicks für Weller ein wichtiger Kreativpartner im Studio war, aber wegen Geldstreitigkeiten im Unfrieden geschieden ist. Eingespielt hat Weller alle Songs wie gehabt in seinem Studio auf dem Land mit Co-Produzent Kybert an allen möglichen Instrumenten, Musikern seiner Tourband, Steve Cradock, Andy Crofts oder Ben Gordelier, und einigen wenigen Gastmusikern.

„White Sky“, die mit ihren wilden Soundexperimenten vielleicht radikalste Nummer, eröffnet Saturns Pattern mit einem mächtigen Wumms, der von den Techno-Freaks Amorphus Androgynous gehörig durch die Electro-Mangel gedreht wird. Auch die weiteren Stücke sind stark gitarrenriff- und groove-orientiert und werden von Weller und Kybert meist noch elektronisch auffrisiert. Der Titelsong „Saturns Pattern“ thematisiert vielleicht das Älterwerden, stürmt aber zielstrebig auf für Weller neues Terrain, über rockigen Klavierakkorden und druckmachendem Bass und spannenden Klangexperimenten, einer verfremdeten Blues Harp und Percussion Loops. Selbst die zart soulige Klavierballade „Going My Way“ drängt je länger sie dauert krachend in Richtung „Long Time“, einem weiteren robusten, elektronisch verzerrten Gitarrenrocker, der ein wenig an David Bowies Glamrock-Kracher wie „Suffragette City“ erinnert. Das sechs Minuten lang funky groovende „Pick it Up“ ist der wohl souligste Track hier, mit dem auch ein Großer wie Curtis Mayfield seine Freunde hätte.

Die B-Seite wird, einer alten LP-Tradition folgend, mit dem gefühlten Hit der Platte, dem vielleicht Wellers eigene Lebenssituation reflektierenden, melodiös strahlenden „I’m Where I Should Be” eröffnet. „Phoenix” ist eine weitere anrührende Schönheit von Song, die über E-Piano-Fiepsern und Gospelchören herein schwebt. „In The Car…” und „These City Streets” teilen sich lyrisch nicht nur das On-The-Road-Thema, sondern auch Gastgitarrist Steve Brooks und einen faszinierenden Mix aus psychedelischem Folk, hartem Rock, dröhnenden Electro-Sounds und funky Keyboards, in dessen Zentrum Paul Weller mit ziemlich viel Gefühl und Autorität in der Stimme singt.

Es gibt auf Saturn Patterns nicht eine Schwachstelle, kein Füllmaterial, alles kommt rüber wie aus einem vielschichtigen, stimmigen Guss. Im LP-Booklet zitiert Weller einen gewissen Frederick Knöbfler, aus dessen Alternative Prayers von 1912: „Thank you Universe for being alive and showing me the way. I seek to improve myself along this great path.“ Gesagt, getan: Paul Weller bleibt mit Saturns Pattern auf Kurs.

Paul Weller Saturns Pattern, Parlophone Records, 2015

Record Collection N° 87: Paul Weller „Illumination” (Independiente Records, 2002)

Das sechste Album des Modfathers ist eine seiner poppigsten, melodiös schönsten und zugleich experimentierfreudigsten Soloplatten.

Schon vor Jahren stellte sich Paul Weller die Gretchenfrage: „Has My Fire Really Gone Out?“ Mit Illumination gibt er darauf die bestmögliche Antwort: Sein kreatives Feuer, es lodert, seine Muse, sie jubiliert. Es waren nie Wellers auffallend dad- und trad-rockende Solowerke wie Wildwood oder Heavy Soul, die mir am meisten gefallen haben. Persönlich ziehe ich Alben wie sein selbstbetiteltes Solodebüt von 1992 vor, das noch mehr in Richtung The  Jam und The Style Council geht. Und erst recht sein 1995er Meisterstück Stanley Road, wo Paul Weller kreativ und musikalisch beweglich, innovationsfreudig, leichtherzig und wunderbar beseelt agiert.

Trotz der Mitwirkung der üblichen Verdächtigen wie Ocean Colour Scene, Noel Gallagher oder Kelly Jones von den Stereophonics, schließt Illumination nahtlos an Stanley Road und Wellers letztes Album, das feine Heliocentric an. Anstelle stoischer Rocksongs und verbissener Ernsthaftigkeit dominieren ein Pop-Feeling, Spielfreude, Experimentierlust, eine befreiende Offenheit in den Arrangements sowie äußerst starke Melodien. Dies kommt auch den reinen Rockkrachern zugute: A Bullet For Everyone rockt so mitreißend, wie es elegant swingt. Going Places und Leafy Mysteries sind wunderhübsch schimmernde Gitarrenpoplieder voll sonniger Melodien und zauberhafter Akkordwechsel. In den zart pastoralen Akustikgitarren-Balladen Who Brings Joy, Bag Lady oder Illumination nähert sich Weller einmal mehr Van Morrisons seelensuchenden Celtic Soul Mysterienspielen. All Good Books ist ein famos vorwärts stürmender Rhythm & Blues-Kracher, weil Weller das voll drauf hat.

Illumination ist nicht nur eine von Paul Wellers besten Soloplatten, es ist es zugleich seine frischeste, experimentellste, aber auch poppigste und freudvollste Platte seit den Tagen von The Style Council. Ein wichtiger Faktor im Aufnahmestudio: die Mitarbeit von Simon Dine, dem Soundmeister des Londoner Neo-Northern-Soul-Kollektivs Noonday Underground, dessen Debütalbum Weller begeisterte, und der hier mit dem Meister drei Stücke produziert hat: Die fantastische Single It’s Written In The Stars, eine unwiderstehliche Mischung aus knackigen Grooves, knisternden Beats und göttlichem Sixties-Soul. Das piekfeine Now The Night Is Here, das Burt Bacharach und Dusty Springfield heraufbeschwört, und das himmlisch softrockende Standing In The Universe. Allerfeinst. Illumination ist ein Meisterwerk mit – Überraschung – einem Lächeln auf Paul Wellers Lippen.

Am Ende des Booklets notiert Paul Weller diese Zeilen: „I hope this record fills you with love and direction, I hope it is a lil‘ sunshine in your darkest hours and brightest days”. Mission erfüllt.

Paul Weller, Illumination, Independiente Records, 2002

(Veröffentlicht in: now!, Nr. 12, Oktober 2002, im Juli 2020 komplett überarbeitet)

Record Collection N° 86: Paul Weller „Wake Up The Nation” (Island Records, 2010)

Musik ohne Grenzen: Der Godfather des Britpop erweist sich einmal mehr als Meister seines Fachs.

Wer vermutete, dass Paul Weller nach seinem 2008er Meisterstück 22 Dreams, einem überbordenden Doppelalbum, das kreuz und quer durch alle Phasen seiner mehr als 30-jährigen Karriere brauste und zugleich Neuland erkundete, vielleicht kreativ leer sein und eine Ruhephase benötigen würde, hat sich geirrt. Sein kreatives Feuer, seine musikalische Leidenschaft sind auch nach der immensen Kraftanstrengung für sein Opus magnum nicht erloschen – die Sorge darum thematisiert der jetzt 62-jährige Paul Weller ja immer wieder mal in seinen Songs. Mit Wake Up The Nation rauscht schon seine nächste Großtat daher. Sein zehntes Studioalbum, das unterschiedlicher als 22 Dreams nicht sein könnte.

Paul Weller ist vor den Aufnahmen ohne neue Songs, Textskizzen oder Melodieideen dagestanden, er hätte „an eine neue Platte nicht einmal gedacht“, sagte er damals. Dann konnte ihn aber Simon Dine, der Co-Autor und Co-Produzent aller Songs hier, doch überreden, an neuen Songs zu arbeiten. Mit wenigen weiteren Musikern, darunter Kevin Shields, Gitarrenlärmkünstler von My Bloody Valentine, Schlagzeuger Bev Bevan (The Move, Electric Light Orchestra) und Bruce Foxton, dem Bassisten von The Jam, mit dem Weller viele Jahre zerstritten war, sich dann aber endlich versöhnte.

Den Studiosessions in Wellers eigenen Black Barn Studios am englischen Land draußen gingen aber noch weit gravierendere Veränderungen in seinem Privatleben voraus: das Scheitern einer Ehe, eine neue, erst 24-jährige Freundin, der Tod seines Vaters John, der von Anfang an seine Karriere managte, immer mit auf Tournee war und von Weller selbst als sein allerbester Freund bezeichnet wurde.

Das Resultat: Eine aggressivere, zornigere, drängendere Platte, als es das nicht gerade unromantische 22 Dreams war. Ein hektisches, stürmisch aufrüttelndes Werk, das musikalisch abenteuerlicher und klanglich weit experimenteller ist, modern klingt und das Hier und Heute trefflich absorbiert und reflektiert, wie man es von Paul schätzt. Ganze sechzehn Songs in knapp vierzig Minuten hat er in Wake Up The Nation gepresst, sie rattern nahtlos ineinander gemixt atemberaubend schnell vorbei. Wie Schnappschüsse aus dem Fenster eines dahinrasenden Autos oder Zuges, die eine tief beeindruckende Spur ziehen.

Zum Auftakt prescht gleich der wüste Rocker Moonshine nach vorn, im nicht minder heftigen Titelsong bekommt die Jetztzeit, von der Facebook-Generation bis zur englischen Nation, eine Abreibung verpasst. Darauf überrascht der hübsche Sixties-Pop von No Tears To Cry, der aber gleich wieder vom wild tosenden Fast Car/Slow Traffic konterkariert wird. Andromeda erinnert an den David Bowie, das walzerhafte Instrumentalstück In Amsterdam an The Style Council. Find The Torch/Burn The Plans, eines dieser mitreißenden Weller-Manifeste, ist ein leidenschaftlicher Sing-A-Long, unterfüttert mit einer wirbelnden, schrägen Klangcollage. Der Soul-Groover Aim High kommt  super funky rüber, und die aufwühlende mehrteilige Song-Suite Trees soll Weller geschrieben, als noch die Trauer um seinen verstorbenen Vater nachwirkte. Alles in allem nach 22 Dreams Paul Wellers nächstes Meisterwerk.

Paul Weller, Wake Up The Nation, Island Records, 2010

(Album des Monats in: now! N° 86, Mai 2010, im Juni 2020 komplett überarbeitet)

Record Collection N° 85: Paul Weller „22 Dreams” (Island Records, 2008)

Modfather Paul Weller kann weit mehr als nur traditionellen Altherren-Rock.

Einer der größten und nachhaltigsten Irrtümer der (nicht nur) britischen Popkritik: Die Überdosis Ignoranz, Unverständnis, Häme, mit der man in den 1980ern Paul Wellers The Style Council begegnete, seiner nächsten famosen Band nach The Jam. Wellers Wagnis, The Jam auf dem Höhepunkt des Erfolgs aufzulösen, war nicht zuletzt ein Akt der künstlerischen Befreiung, der ihm ermöglichte, mit The Style Council einen weit abenteuerlicheren musikalischen Weg zu gehen denn mit seinem punkigen Gitarrenrocktrio. Ob jazzige Exkursionen, gefühlvolle, streichergetragene Soulballaden, französische Chansons, Electrofunk, Klassikausflüge, Synthiepop, überkandidelte Vokalarrangements oder elektronische House Music – die Spielfreude und stilistische Bandbreite des Style Council suchte in den 1980ern ihresgleichen.

Aber erst als Paul Weller nach seinem brillanten Solodebüt Paul Weller (1992), einer kreativen Brücke zwischen der stilistischen Vielfalt von The Style Council und rockigeren Grooves, und einer Reihe fantastischer Songs wie Above The Clouds mit dem Album Wild Wood noch traditioneller rockte, klopften ihm die Kritiker wieder auf die Schultern. Und auch die Erfolge in den Charts stellten sich wieder ein. Aber auch solo gelangen dem Modfather mit Stanley Road (1995), Illumination (2002) oder As Is Now (2005) seine besten Platten, wenn er sich aus dem einengenden Korsett des konservativ angegrauten Altherren-Rock alias Dad Rock befreite, für den ihn doch Rockmuseumsdirektor Noel Gallagher so sehr verehrt.

Förderlich für Paul Wellers neue kreative Blüte war, dass er sich sich mit seiner musikalischen Historie aussöhnte, live wieder sowohl Songs von The Jam als auch von The Style Council zu spielen begann und seinen musikalischen Vorlieben und Einflüssen erneut freien Lauf ließ.

Das besonders ambitioniert wirkende Album 22 Dreams ist der Gipfel dieser Entwicklung und ein selbst gemachtes Geschenk zum 50. Geburtstag. Ein überbordendes kreatives Füllhorn, dessen musikalische Offenheit, stilistische Verzweigungen und große Energie faszinieren. Produziert hat Paul Weller die nur 21, nicht 22 Songs mit Soundmeister Simon Dine von Noonday Underground, der schon die besten Stücke von Illumination mitgestaltete. Von Wellers angestammter Begleitband der letzten Jahre ist nur mehr Gitarrist Steve Cradock dabei, der aber auch Schlagzeug oder Keyboards spielt, dazu kommen Gäste wie Ex-Blur-Gitarrist Graham Coxon, der britische Rock-Exzentriker Robert Wyatt und eben dieser Noel Gallagher. Mit ihnen wagt sich Paul Weller an elektronische Klangcollagen, abwegige Instrumentalstücke, zarte Pianostücke, versponnenen Folkrock, intensive Gefühlsballaden, schönsten Blue Eyed Soul, fulminante Stromgitarrenrocker und ein bizarres Rezitativ, in dem kein anderer als Gott selbst spricht oder so. Und neben einigen kleinen Ausrutschern, die  halt sein müssen, gelingen ihm durchwegs Songs, die zu seinen guten und besten zählen: Der an The Style Council erinnernde Streichersoul von Empty Ring; der frisch funkige Motown trifft auf Bossa Nova Groover Cold Moments; der zauberhafte Gitarrenpop von All I Wanna Do (Is Be With You) und Have You Made Up Your Mind; die Gänsehautballaden Why Walk When You Can Run, Invisible und Where’er Ye Go; der Folkrock von Black River und Sea Spray; die elektrisierenden Rocksongs 22 Dreams und Echoes Round The Sun.

Mit all seinem kreativen Überschwang ist 22 Dreams, schlicht ein Meisterwerk. Eine prächtige Doppel-LP im Klappcover, mit einem schönen Booklet im LP-Format und (lesbaren) abgedruckten Songtexten.

Paul Weller, 22 Dreams, Island Records, 2008

(Album des Monats in now!, Nr. 69, Juni 2008, im Juni 2020 komplett überarbeitet)

Record Collection N° 84: Angus & Julia Stone „Angus & Julia Stone” (Vertigo/Capital, 2014)

Romantisch sehnsüchtig, karg melancholisch. Die Atmosphäre des dritten Albums der Geschwister Stone spiegelt sich im faszinierenden Albumcover wieder.

Als Angus & Julia Stones gleichnamiges Album 2014 veröffentlicht wurde, waren die Zeiten eigentlich schon lange vorbei, in denen man sich für eine Platte aufgrund ihres Covers zu interessieren begann und dann vielleicht sogar kaufte. Das Cover des dritten Albums des australischen Geschwisterpaares Angus & Julia Stone ist aber ein derart stimmungsvoller Hingucker, dass es selbst im Briefmarkenformat auf einer Online-Musik-Plattform noch einen Muss-ich-mir-mal-anhören-Reflex auslösen kann.

Dasselbe gilt erst recht für das 31,5 x 31,5 cm große Cover der Vinyl-LP. Das in pastellige Lachsrosa- und Nachtblau-Töne getauchte Coverfoto, das die Stone-Geschwister von irgendwo oben in den Hügeln auf die nächtlichen Lichter einer Großstadt blicken lässt, spiegelt die romantisch sehnsüchtige, karg melancholische Atmosphäre der 13 Songs (16 in der Download-Version, Download-Code war beigepackt) effektvoll wieder.

Dass Julia Stone über ihre Schulter nachdenklich ins Leere Richtung Betrachter blickt, passt perfekt zu den meist im Zeitlupentempo mit großer Wirkung softrockenden Blues- und Folkrock-Balladen.

In Australien sind die in unseren Breiten nach wie vor wenig bekannten und nur mäßig erfolgreichen Geschwister Stone bekannte, erfolgreiche Stars. Nach ihrem bereits in den Top Ten der australischen Albumcharts rangierenden 2007er Debütalbum A Book Like This, gelang ihnen mit dem 2010 veröffentlichten zweiten Album Down The Way eine Nummer eins, komplettiert vom Megaerfolg der Single Big Jet Plane.

Danach trennten sich Angus und Julia und veröffentlichten jeder Soloplatten. Es soll Produzenten-Legende Rick Rubin (LL Cool J, Beastie Boys, Tom Petty, Johnny Cash, Neil Diamond, Red Hot Chili Peppers) gewesen sein, der zum Telefon griff, die beiden wieder zusammenbrachte und überzeugte, doch noch einmal gemeinsam Songs aufzunehmen und ein neues Album zu produzieren.

Schmucklos nur Angus & Julia Stone betitelt, landete es prompt wieder auf dem ersten Platz der australischen Longplayer-Charts. Und das mit Recht. Das faszinierend schöne Albumcover verspricht nichts Falsches und evoziert genau jene Weichheit und Wehmütigkeit, welche die Songs, ob A Heartbreak und Grizzly Bear oder Heart Beats Slow und Main Street und Crash And Burn aussenden. Gepaart allerdings mit einer ganz unsentimental exekutierten Reduktion aufs Wesentliche – in den Melodien genauso wie in den spartanischen Arrangements oder den Songtexten, in denen einzelne Vers- oder Refrainzeilen immer wieder und dann noch einmal wie ein Mantra wiederholt werden: „Whatever happened to those lights?“ Diese Lichter, sie leuchten durch die Nacht.

Angus & Julia Stone Angus & Julia Stone, Vertigo/Capitol, 2014

Samba Pa Ti oder Die erotische Kraft der L’amour-Hatscher

Der perfekte Soundtrack zum Schmusen auf Partys.

Nicht, dass meine Teenagerzeit von Partys überfüllt gewesen wäre. Schon gar nicht in dem grauen Provinzstädtchen, das meine Heimat ist. Aber schließlich schickten mich die Eltern weg ins Gymnasium, in eine über eine Stunde Zugfahrt entfernte richtige Stadt. Dort wurde es ein wenig spannender, was den sporadischen Besuch von Partys anlangt und mit der zaghaften Annäherung ans lockende weibliche Geschlecht.

Damals, als ich jünger war und noch viel mehr Schmusen vor mir hatte als hinter mir, rockte in der Stadt der magische Sound der Beatles und Rolling Stones den Tanzboden kleiner, elterlicher Hobby-Räume im Keller. Dazu donnerten der Bluesrock von Jimi Hendrix und Led Zeppelin. Und nicht zuletzt der aufregendste Sound des Moments, der hinreißende, lichterloh strahlende Glamrock von unvergessenen Bands wie Slade, The Sweet, T. Rex, von Suzi Quatro und dem gerade zur Erde zurückgekehrten David Bowie.

Ganz, ganz wichtig, weil besonders geeignet für das ungelenke Tändeln mit der Weiblichkeit auf dem Dancefloor waren die sogenannten L’amour-Hatscher, auch als Stehblues, Klammerblues oder Hosentürlreiber bekannt. Also Pop- und Rockballaden in Superzeitlupe. Wie beispielweise Love Hurts von Nazareth, eine aufgeraut schmachtende Version von Roy Orbisons vor lauter Herzschmerz heulender Sixties-Rock’n’Roll-Ballade.

Am besten wirkten diese drei phänomenalen L’amour-Hatscher, die nach dem Aufwärmen mit einigen Krachern der Obengenannten vom DJ auf das Plattenteller gelegt wurden, idealerweise gleich hintereinander: Long As I Can See The Light, der umwerfend soulige Gospel-Rock von John Fogertys Band Creedence Clearwater Revival, den amerikanischen Beatles. Die fast schon kosmischen, unwiderstehlich wonnigen Stromgitarrengefühlswallungen von Santanas Samba Pa Ti. Und A Whiter Shade Of Pale, ein hymnisch herzwärmendes, zugleich majestätisch unterkühltes Glühen von Procol Harum, das bis heute auf unserem Planeten der im Radio meistgespielte Song sein soll.

Wenn diese drei nicht halfen, konnte einem auf der Tanzfläche gar nichts mehr helfen. Das klingt trister, als es war. Denn L’amour-Hatscher wie diese waren zum Glück nicht nur hilfreiche Freudenvermittler, also Brücken zum anderen Geschlecht. Sie funktionierten ebenso als Seelentröster für Mitglieder im Club der einsamen Herzen, maximale Wirkung garantiert. Und das schaffen sie noch heute.

Chuck Berry und die Kraft, Magie & Magnetismus des Rock’n’Roll

Als ich bei Chuck Berry Zeuge der Allmacht des Rock’n’Roll wurde.

Chuck Berry (1926-2017) ist nicht nur der Erfinder der besten Gitarrenriffs in der Geschichte des Rock’n’Roll, die bis heute Gitarristen in aller Welt inspirieren. Er ist auch der Schöpfer genialer Songklassiker wie Johnny B. Goode, Sweet Little Sixteen, Roll Over Beethoven, Memphis Tennessee, You Never Can Tell, School Days, Little Queenie, Maybellene, Almost Grown und Rock’n’Roll Music, die ich erst durch die Beatles und die Rolling Stones kennenlernte, bevor ich mich auf die Suche nach dem Original und nach ihrem Urheber machte.

Was die Musik anlangt, so hat Chuck Berry diese Songs zum größeren Teil wahrscheinlich im Duo mit seinem Pianisten Johnnie Johnson geschrieben, der dafür aber nie eine Nennung als Co-Autor, noch Tantiemen bekommen hat, weshalb er im Jahr Chuck Berry auch verklagte, die Klage ist aber wegen Verjährung abgelehnt worden. Die grandiosen Lyrics, die eine eigene Teenager-Rock´n‘Roll-Welt erschaffen haben, sind definitiv ausschließlich Chuck Berrys Verdienst. Der ungeklärte Disput mit Johnson vermag auch Chuck Berrys Rang als Rock’n’Roll-Pionier nicht zu schmälern. Schließlich wären ohne seine Songs, ohne seine Gitarrenriffs und seine brillanten Songtexte weder die Beatles und die Rolling Stones nicht zu dem geworden, was sie geworden sind. Und auch nicht auch die frühen Beach Boys, The Who, The Kinks, T. Rex und sogar Bruce Springsteen.  Denn, wer war denn der erste, der am liebsten über Autos und Mädchen, Mädchen und Autos Lieder schrieb und sang? Chuck Berry, genau.

Weil die Beatles auf ihren ersten Alben so mitreißende Versionen von Chuck Berrys Krachern wie Rock’n’Roll Music oder Roll Over Beethoven rockten, kaufte ich mir gleich nach Beatles For Sale Chuck Berrys famose Hitsammlung Original Oldies und wenig später noch zwei Fortsetzungen. Damit war ich bestens für ein Konzert des großen Rock’n’Roll-Meisters präpariert und enterte als aufgeregter Sweet Little Teen so um 1976, 1977 herum die Sporthalle in der Stahlstadt Linz.

Dort wurde ich Augen- und Ohrenzeuge der welterschütternden Kraft des Rock’n’Roll. Zur wohl über zwanzig Minuten ausgedehnten Schlussnummer Johnny B. Goode holte der von einer angemieteten europäischen Begleitcombo unterstützte Chuck Berry zwanzig, dreißig Leute auf die Bühne. Darunter glücklicherweise auch ich. Während wir dort oben zu seinen unendlich wiederholten, allerlegendärsten Gitarrenakkorden ausgelassen tanzten, glitt der Riff-Meister mit seiner funkelnden roten Stromgitarre im einst von ihm kreierten Duckwalk (vulgo Entenwatschelgang) charismatisch über die dichtgefüllte Bühne.

Und dann geschah es. Ich erinnere mich noch deutlich daran, plastisch geradezu. Eine erst recht für einen in Liebesdingen noch ziemlich unerfahrenen Teenager reizvoll kurvige, erwachsene Frau mit langem, blonden Haar fing an, beim Tanzen ihre stramm sitzende weiße Bluse aufzuknöpfen, um dann Chuck Berry, enthusiasmiert von seiner Musik, ihre Brüste entgegen zu schütteln. Wie war ich in diesen Sekunden doch fasziniert von der gewaltigen Kraft und Magie, dem wundersamen Magnetismus des Rock’n’Roll, von seiner revolutionären, befreienden Wirkung. Das also meinte Chuck Berry, als er schon 1957 in School Days unvergessen deklamierte: „Hail! Hail! Rock’n’Roll!“

PS.: Dass ich damals im Konzert von Chuck Berry mit meinem besten Freund Norbert war, hatte ich ehrlich ganz vergessen. Aber als wir uns neulich nach fast vierzig Jahren wieder trafen und stundenlang redeten und redeten, kamen wir auch auf dieses für uns legendäre Konzert. Ein auf die Bühne geeilter Saalordner habe der barbusigen Dancing Queen eine Decke übergeworfen, erinnerte sich Norbert. Und auch, dass ich nicht nur völlig überdreht auf der Bühne tanzte, sondern gleich auch ein schallendes „Yeah“ in Chuck Berrys Mikrophon jauchzte. Voll „that’s why I go for that rock’n’roll music” halt. Und „Roll over Beethoven and tell Tchaikovsky the news“.

How Reverend Al Green once gave me his benediction: Amen!

Found Pieces #10: Al Green, „Al“ & „Don’t Look Back“, signed, with personal dedications.

Al Green, one of the greatest soul singers who ever have graced this planet, is now 74 years old. He celebrated his birthday on the 13th of April. So when I met him for a lengthy interview on a cold and rainy October day in 1993 in some hotel in Munich, he was only 47 years old and already a true soul legend.

Al Green was born in the south of the USA. At the end of the 1950s, he sang already with his brothers in the gospel group of his father, a very religious and strict man, who purportedly kicked him out of the house after he caught him listening to profane rhythm & blues and soul music. Some bands later, Al Green had his first minor soul hit at the end of the 1960s. When he came in touch with Memphis soul producer Willie Mitchell and signed with his label Hi Records, he hit a creative and career peak in the first half of the 1970s, with beautiful hits like Tired of Being Alone (1971) and grand albums like Let’s Stay Together (1972). In the beginning Green was a singer in the vein of Sam Cooke, Jackie Wilson, and James Brown, but over his formative years he developed his own distinctive, powerful singing style: the seductive, yearning, honey sweet voice of a love god. If Orpheus or Casanova would have been singers of soulful love songs, I guess they would have sung like Al Green.

At the height of his success in 1974 a fatal girlfriend drama happened, from which the soul singer didn’t recover. He immersed deeply in Christian belief and founded his own church in Memphis, the Church of the Full Gospel Tabernacle, and became a preacher and a Reverend. After two more secular albums he decided in 1978 to devote his divine voice solely to God, quit the sinful soul music scene and recorded many religious gospel albums.

The reason for our meeting in Munich was Reverend Al Green’s return to mundane soul music, his first more or less lustful soul record in a long time. Ironically, it was titled Don’t Look Back. But this record did look back that much. It was mostly co-written and produced by David Steele, from the Fine Young Cannibals, a younger, up-to-date British pop-soul-group who scored in the 1980s some brilliant smash hits. Al Green’s comeback was designed for the European market and released in the USA only two years later, slightly modified under a different moniker, Your Heart’s In Good Hands. But when I arrived on time at the Munich hotel for the interview with the Reverend, the PR lady from his record company was quite desperate. Al Green was not there at all because he’s gone missing, she told me. An hour ago, he decided to go for a short walk and had not returned since.

So, I had to wait for about 90 minutes, but then All Green showed up being all smiles. The Reverend was in that special moment the personified Mr. Love and Happiness, one hundred per cent. The man is presumably the singer who has sung the most songs about love. When Al Green talked about the meaning of love and his many songs about love, he was oddly talking about Al Green in the third person. He seemed a bit unsure, if it’s really okay, that he’s singing now again songs about erotic love and lust. But throughout our talk he jubilated his old soul hits passionately into my microphone. Just like only a real love god can.

What magic moments these were. How lucky have I been there in Munich in the presence of Al Green. The singer also explained to me and justified, why he’s singing secular soul songs again and why his own congregation and even God don’t mind that: „You just have to realize, who God is, how God is, what God is. God simply is love.” Later on, he talked about the more earthly pleasures and the joys that love can bring: „I never said, that sex is a devil’s thing. Sex can be something very beautiful, if things are done wright. When you know a woman for two or three years and marry her and so on. This is how you’ve been created, and this is how I’ve been created, too. That’s beautiful.” Well, whatever it took to convince the Reverend himself to sing those worldly soul songs again, is fine by me.

Then, at the end of our talk, Al Green was not only so kind to sign two of his great albums for me, a definitive Best Of compilation called Al and a promo package of the new one  Don’t Look Back (his signature and dedication on that one slightly blurred now). But in fact, the Reverend also gave me his benediction! And I guess his blessing chaperons me till today. Amen!

And here’s Al Green live on Soul Train, 1972, found on YouTube: Love and Happiness.