Record Collection N° 154: Bob Dylan „Christmas In The Heart” (Columbia, 2009)

Wenn man Bob Dylans Weihnachtsalbum hört, stellt sich die Frage: Singt Santa Bob schon oder räuspert er sich noch?

Gleich vorweg: Ich habe ein Faible für Weihnachtsalben wie Phil Spectors legendärer Xmas-LP A Christmas Gift For You und Weihnachtssongs aller Art, egal ob White Christmas, Little Drummer Boy, Have Yourself A Merry Little Christmas, Happy Xmas (War Is Over) oder Last Christmas.

Eine Weihnachtsplatte von Bob Dylan, auf der Santa Bob anfangs gleich steinerweichend den alten Ami-Weihnachtshadern Here Comes Santa Claus gurgelt, löst bei mir also nicht das große Gruseln aus. Auch, weil ich es schon immer klasse fand, wenn sich Bob Dylan auf seinen Platten entgegen allen Erwartungen daneben benimmt. Wie beispielsweise auf seinem vielgeschimpftem 1970er Doppelalbum Self Portrait, auf dem der große Bob summt, schnulzt und schmalzt, dass es – mir jedenfalls – eine Riesenfreude ist.

Ich habe daher auch mit Bob Dylans Weihnachtsplatte Christmas In The Heart meinen Spaß und eine Freud. Auch wenn man sich beim Hören die Frage stellen darf: Singt Santa Bob schon oder räuspert er sich noch? Egal. Wenn Dylan die hier versammelten amerikanischen Santa-Claus- und Christmas-Kitschlieder gänsehautaufziehend greint, muss man schon ein Weihnachtshasser oder Berufszyniker sein, um davon nicht gerührt zu werden: Must Be Santa, Winter Wonderland, I’ll Be Home For Christmas, Little Drummer Boy, Have Yourself A Merry Little Christmas oder Silver Bells schunkeln frohgemut in flauschigen Arrangements voller Schlittenglöckchen, süßer Frauenchöre und anderer musikalischer Glitzerware um den Weihnachtsbaum. Diese musikalische Inszenierung hätte sicher auch Bing Crosby und Frank Sinatra gefallen. Santa Bobs Schmirgelpapierstimme eher nicht. Doch Santa Bob stimmt auch noch einige uralte Kirchenweihnachtslieder wie O‘ Little Town Of Bethlehem oder O‘ Come All Ye Faithful an, poltert samt Akkordeon durch die Tex-Mex-Polka Must Be Santa und feiert mit Christmas Island gar Weihnachten auf Hawaii.

All das kommt mit einer wohligen Seligkeit auf einen zu, ohne jede ironische Brechung. Mysteriöse lyrische Botschaften – verweht vom Wind. Tauet Himmel den Gerechten. Der große Bob hat sein Weihnachtsalbum unter seinem Pseudonym „Jack Frost“ gleich auch selbst produziert. Das passt so.

Bob Dylan Christmas In The Heart, Columbia, 2009

(Veröffentlicht in now! N° 82, November 2009, komplett überarbeitet im November 2020)

© Santa Bob Pics shot by Klaus Winninger

Record Collection N° 146: Destroyer „Kaputt” (Merge Records, 2011)

Das neunte Album der kanadischen Indie-Band um Dan Bejar ist großes Pop-Kino, und tönt schlicht zu schön und zu hypnotisch, um ihm nicht zu verfallen.

Der wahre Wert einer Platte lässt sich nur im täglichen Gebrauch bewerten. Kaputt hat sich als betörender Verführer entpuppt und wurde langsam, aber sicher zu einer Lieblingsplatte. Die neun luxuriös im Stil des 1980er-Pop inszenierten Edel-Balladen auf Kaputt wachsen einem beim Hören voll ans Herz. Hochkarätige Songs wie Chinatown, Blue Eyes oder das Titellied klingen, als hätten sich David Bowie, Bryan Ferry und Leonard Cohen Mitte der 1980er mit Sade, Steely Dan und Scritti Politti zusammengetan. Prefab Sprout oder Hall & Oates könnten auch im Studio vorbeigeschaut haben.

Solche Referenzen sind oft irreführend, sie wecken Erwartungen, die nicht erfüllt werden. Bei Kaputt ist das aber nicht so. Wer die Genannten mag, wird von Destroyers neuntem Album  nicht enttäuscht sein. Dan Bejar, ein bei Veröffentlichung von Kaputt 39-jähriger Singer/Songwriter aus Vancouver, Kanada ist der musikalische Alleinherrscher der oft die Besetzung wechselnden Band. Jedes der seit den späten 1990er Jahren veröffentlichten acht Alben von Destroyer klingt total verschieden, weil Dan Bejar ein musikalisches Chamäleon ist. Er probiert immer wieder etwas Neues, und hat selbst für seine Zweitband, die New Pornographers noch Ideen übrig.

Dan Bejar ist nicht leicht zu fassen. Er versteht es, ausgiebig herumzutricksen. Allein schon der Bandname, und der Albumtitel noch dazu: Zerstörer? Kaputt? Bei so viel Wohlklang?  Der feine Cocktail, den Bejar im Aufnahmestudio mit sieben, wie er sie nennt, Kaputt Players für seine grandiose Neunte zusammengebraut hat? Kaputt ist großes Pop-Kino: Man hört elegant-samtenen Zeitlupen-Funk, verführerischen souligen Jazz, schwebende, alles in Watte packende Synthie-Keyboards, delikate Gitarren-Licks, sehnsüchtige Saxofone. Und Dan Bejars unwiderstehliche Schmachtstimme, die einem auch die Einkaufsliste vorsingen könnte, und man wäre fasziniert. Seine selbstverliebten, selbstkritisch seine Rolle als Musiker und Songschreiber hinterfragende Songtexte geben mehr Rätsel auf, als sie Antworten haben. Doch Kaputt tönt schlicht zu schön und zu hypnotisch, um ihm nicht zu verfallen.

Destroyer Kaputt, Merge Records, 2011

(Album des Monats in: now! N° 97, Juni 2011, komplett überarbeitet im November 2020)

© Kaputt Pics shot by Klaus Winninger

Record Collection N° 142: Kevin Rowland „My Beauty” (Cherry Red Records, 2020)

Haben Kevin Rowlands Soul-Visionen und sein Album My Beauty 21 Jahre nach der Erstveröffentlichung bei der Neuauflage endlich die Wertschätzung bekommen, die sie verdienen? Ja.

Als der legendäre  Sänger und Mastermind der legendären 1980er Jahre New-Wave-Soul-Band Dexys Midnight Runners, im Jahr 1999 My Beauty bei Creation Records veröffentlichte, spaltete es Kritiker und Fans wie selten eine Platte. Dass Rowland sich auf dem Albumcover, in Videos und auf der Bühne in Kleidern und Dessous zeigte, hinderte bornierte Gemüter, der piekfeinen Musik auf My Beauty und Rowlands beseeltem Gesang eine Chance zu geben. In dem österreichischen Popmagazin, dessen Chefredakteur ich 1999 war, wählten wir My Beauty im Oktober 1999 zum Album des Monats, dann auch zum Album Jahres. Weltweit sollen je nach Quelle aber nur wenige hundert oder einige zehntausend Stück von My Beauty verkauft worden sein.

Die Ende September 2020 von Cherry Red Records auf rosa Vinyl und CD veröffentlichte Deluxe Edition von My Beauty sollte dem Album im zweiten Anlauf die Wertschätzung verschaffen, die ihm schon 1999 gebührt hätte. Mission erfüllt. Die Neuauflage ist klanglich brillant remastert, auch optisch eine Schönheit. Und sie bringt neben unerheblichen Instrumentalversionen zweier Albumsongs als besondere Attraktion Kevins Rowlands Neudeutung von Bruce Springsteens Thunder Road, ein immens wichtiger Song des Albums, der 1999 zwar auf vorab verteilten Promo-CDs vertreten war, von Springsteens Management aber nicht zur Veröffentlichung freigegeben wurde. Thunder Road macht My Beauty noch stärker.

Kevin Rowlands erstes Soloalbum nach der Trennung der Dexys Midnight Runners war 1988 The Wanderer, es floppte gewaltig und ist in der Versenkung verschwunden. Danach plagte Rowland jahrelang ein fataler Strudel  aus Kokainsucht,  Depression und Selbstzweifel. Seine Muse hatte ihn verlassen. In diesem Kontext ist My Beauty keine belanglose Aneinanderreihung von Coverversionen hübscher Pop- und Rocksongs , sondern die inhaltliche Verknüpfung unterschiedlichster Songs zu einer Erzählung, zum Soundtrack von Kevin Rowlands Rückkehr ins Leben. Es seien diese Songs gewesen, sagt er, die er damals im Radio hörte und die ihm halfen, gegen seine inneren Dämonen zu kämpfen und sich selbst wiederzufinden. Und in der hässlichen Welt, in der ihm untreu gewordenen Musik, und vor allem in sich selbst wieder eine lebenswerte Schönheit zu entdecken. Man hat das Gefühl, bei My Beauty einer Therapiesitzung zuzuhören. Zumal Rowland ungeniert die Songtexte passend für seine seelische Situation umgeschrieben hat. Was vielleicht Bruce Springsteen selbst oder seine Leute damals nicht so toll gefunden haben.

Jedenfalls ist My Beauty eine mutige Platte. Eine feige Platte hat Kevin Rowland nie gemacht. „Compromise is the devil talking“, hat er 1985 auf dem vorerst dritten und letzten Album der Dexys Midnight Runners gesungen, auf Don’t Stand Me Down, einem lange verkannten, aber längst rehabilitierten Meisterwerk. An diese Maxime hat sich Kevin Rowland immer gehalten. Das Ringen um höchste Intensität, Leidenschaft und Emotionalität zeichnet auch My Beauty aus. Egal, es sich um beschwingte Pophits der 1960er Jahre handelt, um Rag Doll (Frankie Valli and The Four Seasons), Daydream Believer (The Monkees), Reflections Of My Life (The Marmalade), This Guy’s In Love With You von Burt Bacharach und Hal David, The Long And Winding Road von den Beatles oder Concrete And Clay (Randy Edelman). Kevin Rowland singt sich in seinen seelenschürfenden Interpretationen das Herz aus dem Leib. Das gilt auch für seine radikale Umdeutungen von Labelled With Love von Squeeze zu einem Bekenntnis seiner Drogensucht, und von Bruce Springsteens Thunder Road, das sich hier nicht mehr um Cadillacs, Highways und dreckige Hinterhöfe dreht, sondern um seelische Abgründe. Und das aufwühlende Gefühlsdrama, das Rowland aus Whitney Houstons (bzw. George Bensons) Soul-Hymne The Greatest Love Of All macht, das gleich am Anfang erklingt, ein echter Gospel vor dem Herrn. Unterstützt von exzellenten Musikern, exquisiten Arrangements und seinem großartigen Gesang entdeckt Kevin Rowland auf My Beauty die (seine) Schönheit wieder. Den Albumtitel hat er nicht zufällig gewählt.

Kevin Rowland My Beauty, Cherry Red Records, 2020

© My Beauty Pics shot by Klaus Winninger

Record Collection N° 139: The The „Soul Mining” (Epic, 1983)

Ein Pop-Album als Porträt des Künstlers als nachdenklicher junger Mann – gequält von  Gefühlsschwankungen, Begierden, Weltschmerz, gerettet von der Pop-Musik.

Wenn der Morgen graut, und die Nadel sich in die Plattenrille senkt. Der Countdown beginnt: „Six, five, four, three, two, one … zero!“, knistert es und schon detoniert der erste Beat. „All my childhood dreams are bursting at the seams“, röchelt der Sänger, ein schmächtiger, blasser Bursche, der den schmerzvollen Blues vom Erwachsenwerden singt. Ein dreiundzwanzigjähriger Melancholiker, der auf der Suche nach seiner verlorenen Jugend und irgendeinem Sinn in seinem Leben ist: „I’ve been waiting for tomorrow / All of my life.“ Eine drückende Katerstimmung schiebt sich über das Morgengrauen. „You didn’t wake up this morning / Because you didn’t go to bed”, grübelt Matt Johnson mit tiefer, rauchiger Stimme in This Is The Day, dem zentralen Song von Soul Mining. „Du hast beobachtet / Wie das Weiße in deinen Augen rot wird”, sinniert er weiter und schmachtet eine verführerische Melodie wie aus einem Chanson.

Paris stand bei der britischen Popintelligenz in den frühen 1980ern hoch im Kurs, Songs wurden in Anlehnung an Romane von Camus geschrieben, Alben nannte man Café Bleu, postmoderne französische Philosophen wurden für den theoretischen Überbau zitiert. Die Musik schwankt zwischen düsteren, pessimistischen Post-Punk-Experimenten, Lärmexzessen und  strahlender, geiler Pop-Euphorie. Am Grad zwischen Depression und Glückseligkeit balancierend, produziert Matt Johnson, ein genialischer britischer Songschreiber, Lyriker, Multiinstrumentalist und Sänger, sein zweites Album Soul Mining. Es ist das erste unter dem Firmennamen The The, obwohl die Ende der 1970er Jahre gegründete Band jetzt ein Einmannbetrieb mit Gastmusikern ist. „Der Kalender an der Wand zählt die Tage runter“, brummt die Raucherstimme, während ein Akkordeon und eine Fiedel sich über harschen Computerbeats wiegen, und Matt hinabsteigt in das Kellergewölbe seiner Seele. Unterwegs verfängt er sich in Selbstmitleid und Selbstzweifel, versucht sich loszureißen und amüsiert sich königlich über seine Jammerei und über das Wehklagen von allen anderen.

Matt Johnson besingt auf Soul Mining das Gewicht der Welt, das schmerzlich auf seinen jungen Schultern lastet. Die sieben Songs auf Soul Mining (auf der CD-Edition ist noch die wunderbare Single Perfectangehängt, die den ersten Vinyl-LPs als 12-Inch-Vinyl beigelegt war) sind verdichtetes Leben und romantische Fiktion. Ein Pop-Album als Porträt des Künstlers als nachdenklicher junger Mann – gequält von  Gefühlsschwankungen und brennenden Begierden, bedrängt von seinem Weltschmerz,  gerettet von seinem schwarzen Humor und der heilenden Kraft der Popmusik. „My head is like a junk shop / in desperate need of repair”, heult der Sänger in The Sinking Feeling,  und folgert gewitzt: „Am besten gehe ich gleich wieder ins Bett.“ Matt Johnson verpackt seine emotionale Nabelschau nicht in fragilen Folkrock, tröge Rock-Balladen oder schaurige Industrial-Hämmer, er inszeniert sie lieber als modernen, kraftvoll melodiösen Electro-Pop, der einen voll berührt. „Something always goes wrong / when things are going right“, behauptet er im Titelsong. Kann sein. Auf Soul Mining läuft nichts falsch, aber war Matt Johnson je wieder so gut?

Soul Mining: Aufgenommen von Herbst 1982 bis Frühjahr 1983 in London und New York. Veröffentlicht: Oktober 1983. Charts-Platzierung: 27 (UK). Musiker: Matt Johnson (Synthesizer, Percussion, Gesang), Zeke Manyika (Schlagzeug), Camelle G. Hinds (Bass), Thomas Leer (Synthesizer), Jools Holland (Klavier) und andere. Produzenten: Matt Johnson & Paul Hardiman.

The The Soul Mining, Epic, 1983

© Soul Mining Pics shot by Klaus Winninger

Record Collection N° 138: Massive Attack „Blue Lines” (Virgin Records, 1991)

Das famose Debütalbum von Massive Attack ist die Geburt des TripHop.

Boom, bababoom, bababoom, bababooooom. Beeinflusst vom HipHop-Film Wild Style gründeten 1983 in der englischen Stadt Bristol junge Musiker, DJs, Rapper und Graffiti-Künstler wie Grant Marshall (Daddy G), Robert Del Naja (3-D), Andrew Vowles (Mushroom) und Nellee Hooper nach dem Vorbild amerikanischer HipHop-Crewsund jamaikanischer Sound Systems das Musikerkollektiv The Wild Bunch. Die nächsten Jahre waren sie die coolsten Jungs in der Stadt mit den schärfsten Klamotten, den tollsten Partys, den besten Platten. 1988 trennte man sich. Nellee Hooper wechselte zu Soul II Soul, die anderen gründeten Massive Attack. Das Weitere ist Pop- und TripHop-Geschichte.

Anfang 1991 veröffentlichten Massive Attack ihr Debütalbum Blue Lines. Große musikalische Intensität paarte sich mit minimalistischen Beats und Sounds und mächtigen Basslinien, die so geschmeidig wie ein Panther aus den Boxen schleichen. Massive Attack entdeckten inmitten des dominierenden Techno-Donners der Rave-Ära die Langsamkeit, und revolutionieren so die britische Dance Music und Club-Kultur. Beeinflusst vom jamaikanischem Reggae aus dem legendären Studio One von Coxsone Dodd in Kingston, dem psychedelischem Rock von Pink Floyd, Punk von The Clash und PIL, epischem Soul von Isaac Hayes und Old-School-Rap von Grandmaster Flash oder Eric B. & Rakim, formten Massive Attack auf Blue Lines ihren eigenen, unverwechselbaren Sound, und schufen damit ein stilbildendes Album. Die folgenden Debütplatten von Tricky oder Portishead, die  eingerauchten Downtempo-Tracks des Mo’ Wax-Labels und der restliche TripHop wären ohne Massive Attack und ihre  magischen Zeitlupen-Grooves nicht denkbar.

Massive Attack veredelten Blue Lines bis zur Perfektion: Soul-Sängerin Shara Nelson und Roots-Reggae-Veteran Horace Andy tauchten mit ihrem leidenschaftlichen Gesangdie Soul-Symphonien Unfinished Symphony, One Love oder Safe From Harm in tieftraurige Melancholie. Die Rapper Tricky (Kid), Daddy G. und 3-D schickten mit dem lässigen, schläfrigen Flow ihres Sprechgesangs dieselben Stücke und den Titelsong, Five Man Army und Daydreaming auf einen Trip in ein Paralleluniversum. Dessen Farbe: Blau, Tiefblau.

Kurz nach Erscheinen von Blue Lines benannte sich das Musik-Kollektiv aus Bristol wegen des Golfkrieges und der dort verwendeten Phrase „Massive Attack“ für die Flächenbombardierungen in Massive um. 1994 kehrte man zum ursprünglichen Bandnamen Massive Attack zurück.

Kurz nach Erscheinen von Blue Lines benannte sich das Musik-Kollektiv aus Bristol wegen des Golfkrieges und der dort verwendeten Phrase „Massive Attack“ für die Flächenbombardierungen in Massive um. 1994 kehrte man zum ursprünglichen Bandnamen Massive Attack zurück.

Das Album: Aufgenommen in Bristol und London im Winter 1990/91. Veröffentlicht im März 1991. Höchste Chartsplazierung: 13 (Großbritannien). Das Massiv-Attack-Kollektiv: 3-D (Stimme, Instrumente, Grafik), Daddy G (Stimme, Instrumente), Mushroom (Keyboards), Shara Nelson (Stimme), Horace Andy (Stimme), Tricky Kid (Stimme). Produzent: Massive Attack und Jonny Dollar.

Massive Attack Blue Lines, Virgin Records, 1991

© Massive Blue Lines Pics shot by Klaus Winninger

Record Collection N° 137: Dexys Midnight Runners „Searching For The Young Soul Rebels” (EMI, 1980)

„Welcome the new soul vision” – die Dexys Midnight Runners schmiedeten ihren fulminanten Sound aus der Wut des Punk und dem Feuer des Stax-Soul.

Searching For The Young Soul Rebels, das im Juli 1980 veröffentlichte Debütalbum der Dexys Midnight Runners, beginnt mit dem Krawall der Rebellion. Man hört das Rauschen von Radiofrequenzen. Songfetzen von Deep Purple, den Sex Pistols, den Specials dringen durch. Sodann schwört Dexys-Sänger und Anführer Kevin Rowland seine Gang ein: „For God’s sake, burn it down!“

Was war, ist vorbei. Jetzt gradaus nach vorn. Die acht Musiker – also Kevin Rowland (Gesang), Al Archer (Gitarre, Gesang), Big Jim Patterson (Posaune), Pete Williams (Bass), Jeff Blythe (Saxophon), Steve Spooner (Altsaxophon), Pete Saunders (Orgel, Klavier), Stoker (Schlagzeug) –, tragen Hafenarbeiterklamotten und Wollmützen, wie Robert De Niro in Martin Scorseses Kultfilm Mean Streets. Sie haben der Legende nach von Rowland striktes Alkohol- und Drogenverbot sowie tägliches Lauftraining verordnet bekommen. Dementsprechend geladen legen sie los: Burn It Down isteine kraftstrotzende, arrogante Attacke. Platz da! Jetzt kommen wir: „Shut your fucking mouth till you know the truth!”

Nicht viele Platten beginnen so eindrucksvoll. Was folgt, ist eines der glühendsten, energiegeladensten, souligsten Alben (nicht nur) der 1980er Jahre. Die frühen Dexys Midnight Runners waren angetrieben von der Northern-Soul-Begeisterung des englischen Nordens, und schmiedeten ihren fulminanten Sound aus der Wut des Punk und dem Feuer des Stax-Soul. Aus Johnny Rotten, Booker T. & The MGs, The Memphis Horns, The Bar-Kays, Sam & Dave, Otis Redding und wie sie alle heißen. Im Zentrum des extrem diszipliniert und druckvoll gespielten Aufbrausens: Messerscharfe Bläsersätze, stampfende Rhythm & Blues-Beats, adrenalinpumpende Bässe, saftige Orgelakkorde und Kevin Rowlands unverwechselbare Stimme mit ihrer mitreißenden Leidenschaft. Der Mann hatte Soul, und im Gitarristen und Komponisten Al (eigentlich Kevin, aber angeblich auf Order von Rowland den Vornamen geändert) Archer einen Seelenzwilling, der ihn bald im Streit verlassen sollte.

Searching For The Young Soul Rebels ist ein wütender Angriff auf die Gesellschaft und die Popmusik seiner Zeit. Mit elf, den Puls beschleunigenden, herzergreifenden Songs mit  tiefpersönlichen Texten, die zugleich politische Manifeste sein wollen. Ein kompromissloses Ringen um wahrhaften Ausdruck und größtmögliche Intensität: von den Bläserfanfaren des fetzigen Nummer-1-Hits Geno (eine Hymne für den amerikanischen Soulsänger Geno Washington, der seine Fans vor allem in Großbritannien hatte) bis zu den brennenden Balladen wie I’m Just Looking oder I Couldn’t Help If I Tried. Von rasanten Northern Soul-Groovern wie Tell Me When My Light Turns Green oder Seven Days Too Long bis zum Seelendrama von Keep It und There There My Dear, einem lyrischen Säureattentat auf die damalige Pop-Schickeria.

„Welcome the new soul vision”, fiebert Kevin Rowland am Ende. Die Band scheiterte zwar bald an ihren eigenen Widersprüchen, aber Rowland verfolgte seine Mission mit anderen Musikern weiter. Wie Otis Redding singt: Respekt!

Dexys Midnight Runners Searching For The Young Soul Rebels, EMI, 1980

© Young Soul Rebel Pics shot by Klaus Winninger

Record Collection N° 136: Miles Davis „On The Corner” (Columbia Records, 1972)

Urgewaltige, moderne Musik von Miles Davis im elektrischen Wah-Wah-Sound – driftend zwischen ekstatischer Rebellion und ozeantiefer Traurigkeit.

Als Miles Davis Ende 1971 mit seiner neuformierten Band in der New Yorker Philharmonic Hall spielt, ließ er von der Hälfte seiner Gage Tickets kaufen und an schwarze Jugendliche verschenken. Kein wohltätiger Akt. Miles meinte, Jazz sei zur elitären Veranstaltung für Weiße verkommen, er aber wolle lieber junge Schwarze erreichen. Wer ins Konzert gehen konnte, hörte einen furiosen, funky Miles Davis in seiner elektrischen, elektronischen Phase. Einen großen, 45-jährigen Meister, der nicht stehen bleiben wollte.

Im Sommer 1972 ging Miles Davis in New York mit dem Plan ins Studio, eine völlig neue schwarze Musik zu produzieren. Mit seinem Produzent Teo Macero, der aus den Session-Bändern erst das fertige Album zusammenschnipselte. Mit ihm und den Musikern John McLaughlin (E-Gitarre), Reggie Lucas (Gitarre), Dave Liebman (Sopran- und Tenorsaxophon), Michael Henderson (E-Bass), Herbie Hancock (E-Piano, Synthesizer), Jack DeJohnette (Schlagzeug), Al Foster (Schlagzeug), James Mtume (Percussion), Badal Roy (Tabla) und anderen mehr schuf Miles (Trompete, Orgel), eine der umstrittensten Jazzplatten, die Jazz-Galaxien von den himmlischen, modalen Wohlklängen seines Meisterwerks Kind Of Blue (1959) entfernt war. On The Corner war der erschreckende Sound des gesellschaftlichen Sündenfalls. Ein Schock, so grell und geil wie die krude Pop-Art-Malerei mit den schwarzen Hipstern, den dudes, hustlern und foxy ladies am Plattencover.

Der neue, schrille, siedende Sound von Miles Davis war vom Funk eines James Brown und Sly Stone beeinflusst, vom deutschen Avantgarde-Komponisten Stockhausen und dem Soundtrack der damals hippen Blaxploitation-Filme. Der revolutionäre Electro-Funk-Mix ignorierte Melodien, Harmonien, Songstrukturen, Miles assoziierte frei musikalische Ideen und Rhythmen. Heute tönt On The Corner nicht weniger radikal und aufwühlend als 1972, als Miles über zwei Plattenseiten diesen kakophonischen Groove-Marathon dirigierte. Von der ersten Sekunde versetzt einen die brodelnden Klänge an die Straßenecke eines schwarzen Großstadtviertels der 1970er. Miles Davis spielt den hitzigen Sound der Straßen von Harlem, der nicht nur den modernen HipHop inspirierte. Der Strombass zupft minimale, aber extrem funky Figuren. Drummer, Perkussionist und Tabla-Spieler trommeln afrikanische Polyrhythmen. Darüber verdichten sich E-Pianos, Orgeln, Synthesizer, Saxophone und Sitars zu einer intensiven, leidenschaftlichen Ghetto-Symphonie, durch die sich die wildgewordene Stromgitarre und Miles Davis’ melancholische Trompete fräsen, die er mit Effektpedalen verzerrt und verstümmelt. Urgewaltige, moderne Musik im Wah-Wah-Sound – driftend zwischen ekstatischer Rebellion und ozeantiefer Traurigkeit. Ausdruck eines kompromisslos freidenkenden, genialen Künstlers und einer um Freiheit und Gleichberechtigung kämpfenden schwarzen Gesellschaft. Der letzte Track heißt nicht zufällig Mr. Freedom X.

Miles Davis On The Corner, Columbia Records, 1972

© On The Corner Pics shot by Klaus Winninger

Record Collection N° 135: The Style Council „Long Hot Summers / The Story Of The Style Council” (Polydor Records, 2020)

Is Long Hot Summers really the definitive anthology of The Style Council’s career? The best compilation of their magnificent music? Yes, it is.

As many Best-Of-Compilations of The Style Council’s oeuvre have been released over the years, the primary question with Long Hot Summers / The Story Of The Style Council is: Is it really the definitive anthology of The Style Council’s career? Is it the best compilation of their magnificent music? The answer is simple and clear: Yes, it is. It even surpasses the previous superb collections: The fully on point Greatest Hits from 2000, a CD compiling 18 tracks, not missing any of their hits. The excellent The Sound Of The Style Council from 2003, a double LP/CD, comprising 21 tracks. Long Hot Summers surpasses those two and others not only because it collects more songs, 32 on vinyl, 37 on 2 CDs, and the digital album, it’s an affectionately created, high quality artefact, that really tells the story of The Style Council in full. And maybe it’s a better time now to release a new TSC-Compilation than it was around the millennium. In 2020 The Style Council are as hip and relevant like they were in their prime, maybe they are loved now even more.

The first and foremost quality guarantee is, that Paul Weller, the Modfather and Style Council master mind himself, together with Andy Street, is responsible for the concept and compilation of Long Hot Summers. So, the design of the 3-LP-package, the tracklisting, the remastered sound, the liner notes – everything is top here.

The design  and the whole artwork of Long Hot Summers is exquisitely stylish and cool in the tradition of the old Style Council records (the inspirational award goes to their previous brilliant graphic designer Simon Halfon). It comes in a luxurious gatefold cover and beautifully designed inner sleeves, using a lot of Peter Anderson’s classic photos of The Style Council.

The sound remastered at Abbey Road is top, too. Previous collections tended to sound not so powerful, but way better on vinyl than on CD. Long Hot Summers does sound dynamic, bright, crispy, and fresh just like the old master tapes have been freed from all dust. How the vinyl LPs sound is a revelation, even the digital album sounds okay.

The tracklisting is also excellent, the non-chronological running order sketches the big picture from the opener Headstart For Happiness to the last track, a previously unreleased demo of My Ever-Changing Moods. You couldn’t do better, could you? It’s fine to hear Long Hot Summers in full that way round. Nothing’s missing.

En route you get the hits and the classics like A Solid Bond In Your Heart, Speak Like A Child, My Ever-Changing Moods, Long Hot Summer, You’re The Best Thing, Shout To The Top! or Have You Ever Had It Blue. You get deep key album tracks like Down In The Seine, The Paris Match, Homebreakers, Spin Drifting, Waiting or Changing Of The Guard and rarities like Wanted (Or Waiter, There’s Some Soup In My Flies) or Sweet Loving Ways, plus two previously unreleased bonus tracks.

The attendant liner notes of Long Hot Summers are formidable too, the renowned music journalist Lois Wilson tells the Style Council story with lots of knowledge and affection for the band’s music. The famous actor Martin Freeman, a dedicated fan of The Style Council, recalls fondly how much they meant to him in his youth and adult life. The same goes for me: Honestly, The Style Council had a big impact on my life. With all about them – the free-minded, manifold musical mix, what they sang about, what they thought, their left-wing politics, their open-minded internationalist stance, their modernism, how they dressed, their love for Paris, cappuccinos, and espressos – they were an import game and life changer for me. Not the only one, but yeah. Would I love to have the five more songs, that come with the CDs and the digital album – All Gone Away, Boy Who Cried Wolf, Homebreakers, A Woman’s Song, Shout To The Top (Instrumental) – on the vinyls too? Of course. But 32 tracks are fair enough. Long Hot Summers brings it all back.

The Style Council Long Hot Summers / The Story Of The Style Council, Polydor Records, 2020

© Long Hot Summer Pics shot by Klaus Winninger

Record Collection N° 134: Edwyn Collins „Losing Sleep” (Heavenly Records, 2010)

Als der beliebte Popmusik-Schotte sich weiter zurück in sein Leben und seine Musik kämpfte.

Nach zwei Schlaganfällen im Jahr 2005 kämpfte sich Edwyn Collins bewundernswert ins Leben zurück. Dass er auch wieder Musik machen konnte, grenzte an ein Wunder. Wie Lazarus fast. Schließlich musste Collins selbst das Sprechen und Singen neu lernen und seine tiefe, Gesangsstimme voll Soul wiederfinden. Gitarre spielen blieb dem früher brillanten Gitarrist aber verwehrt, weil sein rechter Arm gelähmt geblieben ist.

Während das formidable 2007er Album Home Again noch vor Collins’ schwerer Erkrankung fabriziert wurde, ist sein siebter Longplayer Losing Sleep zwischen November 2008 und Mai 2010 in seinem eigenen Londoner Studio entstanden. Mit der Hilfe von Musikerkollegen und Freunden wie Franz Ferdinand (Do It Again), The Drums (In Your Eyes), The Cribs (I Still Believe In You) oder den Magic Numbers (It Dawns On Me).

Der Titelsong ist ein famoser Northern Soul Groover und stürmt gleich zu Beginn ganz im Stil seines 1995er Welthits A Girl Like You nach vorn. Unterstützt wird Edwyn Collins dabei u.a. von Barrie Cardogan an Gitarre und Bass, für dessen Band Little Barrie Edwyn Collins 2005 noch das Debütalbum produzierte.

Johnny Marr von den Smiths legt im umwerfenden Come Tomorrow, Come Today ein fetziges Gitarrensolo hin. Sehr hübsch auch das poppige Over The Hill, bei dem wieder Barrie Cardogan mit dabei ist. Ziemlich stark auch die beiden deutlich autobiografischen Songs Humble und Bored.

Am Schluss geht es ans Eingemachte: In All My Days, für das Edwyns Kumpel seit Postcard-Records-Tagen Roddy Frame (Aztec Camera) eine jazzige E-Gitarre spielt, singt Edwyn Collins die herzergreifende  Zeile „I’m willing to accept the good that’s near“. Und Searching for the Truth geht gleich noch mal tiefer, das zieht einem die Gänsehaut auf.

Edwyn Collins Losing Sleep, Heavenly Records, 2010

(now! N° 90, Oktober 2010, komplett überarbeitet im November 2020)

© Losing Sleep Pics shot by Klaus Winninger

Record Collection N° 133: Edwyn Collins „Doctor Syntax” (Setanta Records, 2002)

Der schottische Pate des Britpop beamt den Sound seiner Kultband Orange Juice in die Moderne.

Wer ihn nicht mag und das soll es – unglaublich, aber doch – schon mal geben, nennt den 43-jährigen Schotten Edwyn Collins einen Verlierer. Verehrern gilt er als Kultfigur und einer der Gründerväter des Britpop.

Anfang der 1980er Jahre versuchte Edwyn Collins mit seiner Band Orange Juice so Gegensätzliches wie Punk, Motown-Soul, Velvet Underground und Disco zu fusionieren und produzierte jugendlich charmanten, hinreißend melodiösen Pop. Kultstatus garantiert, große Erfolge blieben aus, 1985 trennte sich die Band.

Edwyn Collins machte solo weiter, doch er entkam dem brotlosen Kultstardasein nicht. Er konnte froh sein, dass sein im Herbst 1994 veröffentlichtes Album Gorgeous George mit einiger Verspätung den Welthit A Girl Like You abwarf: Seither hat der Schotte sein Bankkonto saniert und in London ein eigenes Studio eingerichtet, in dem er tun und lassen kann, was er will. Dort hat er in aller Ruhe das brillante 1997er Album I’m Not Following You produziert – wieder ein kommerzieller Flop, was sonst?

Mit Doctor Syntax setzt er Collins noch einen drauf. Vielleicht ist es Zufall, aber es ist genau zwanzig Jahre her, seit Edwyn Collins mit Orange Juice das superfunky Disco-Soul-Electro-Pop-Rock-Album Rip It Up veröffentlichte, die erfolgreichste Platte der Band. Mit Doctor Syntax schließt Collins wieder an diesen Sound an, den er perfekt draufhat.

Seine Soul-Stimme schmachtet oft so tief unten, dass man Barry White zu ihm sagen möchte. Die Songs suhlen sich in eingängigen Melodien, drum herum zirpen süße Chöre, raffinierte Gitarrenakkorde und fiepsende Synthesizer, an der Basis pumpt ein funky Bass Leben in die Grooves. Eine tolle Mischung aus  den Orange Juice von Rip It Up, Disco-Bumm á la Chic, 1980er Jahre Electro-Pop, feisten Gitarrenriffs und herrlich schmierigen Gitarrensoli. Die Songtexte sind eine Klasse für sich, in der beißender Witz, verbitterte Sturheit und nostalgisches Sentiment gemeinsam die Schulbank drücken. Am bösesten: The Beatles, das den psychedelischen Sound der Beatles kopiert, sich aber zugleich über die nicht enden wollende Beatlemania mokiert. Sein Spott macht aber auch vor ihm selbst nicht halt: Gleich zu Beginn schimpft er sich selbst einen „also-ran, trying to get by any way I can.“

Mit Verlaub, dieses Urteil ist viel zu hart für einen, der auf Doctor Syntax so formidable Songs wie Never Felt Like This, Mine Is At, Splitting Up, Johnny Teardrop oder 20 Years Too Late locker aus dem Ärmel schüttelt.

Edwyn Collins Doctor Syntax, Setanta Records, 2002

(now! N° 08, Mai 2002, komplett überarbeitet im November 2020)

© Doctor Syntax Pics shot by Klaus Winninger