Record Collection N° 169: Elvis Costello “Hey Clockface” (Concord Records, 2020)

Elvis Costello ist ohne seine Hausband The Imposters zurück in der Spur. Sein kreatives Feuer, sein Zorn, seine Gehässigkeit lodern weiter.  

Elvis Costellos 31. Studioalbum Hey Clockface, das am 30. Oktober 2020 veröffentlicht wurde, ist kein typisches Elvis Costello Album, aber gibt es ein typisches Elvis Costello Album überhaupt? Costello ist ein Mann vieler Ideen, Eigenschaften und Stile. Den Nachfolger seines aufwändig produzierten, üppig arrangierten, grammy-prämierten 2018er Albums Look Now hat er ohne seine Hausband, The Imposters, aufgenommen, ohne seine Hausband, den Imposters. Die musikalische, emotionale, energetische Bandbreite von Hey Clockface unterscheidet sich deutlich vom bombastischen Power Pop von Look Now.

Aufgenommen wurde die Platte in Helsinki, Paris und New York – ein rastloser Trip von Station zu Station, spannend wie das Album selbst, das schließlich in Los Angeles von Sebastian Krys abgemischt wurde. Wie schon der Vorgänger firmiert Hey Clockface als „An Elvis Costello & Sebastian Krys Production”.

In Helsinki machte Elvis Costello im Februar 2020 Halt, um allein an allen Instrumenten im Suomenlinnan Studio drei Songs aufzunehmen: Das zornige, stürmische Gitarrengewitter No Flag, in dem Costello Gift und Galle spuckt wie als junger New-Wave-Spund, dass nicht minder wütende, unheilverkündende We Are All Cowards Now und den boshaften Klapperboogie Hetty O‘Hara Confidential, der über eine Klatschkolumnistin in Hollywood herzieht.

Nach Helsinki reiste Costello nach Paris, wo er in einerWochenendsession in den Les Studios Saint Germain mit neun Stücken den Großteil von Hey Clockface aufnahm, mit lokalen Musikern und seiner musikalischen rechten Hand Steve Nieve, bei den Attractions, den Imposters und sowieso. Vom Studioboden aus singend gab Costello in berührend intimen Liedern wie They Are Not Laughing At Me Now, The Whirlwind, The Last Confession Of Vivian Whip, What Is It That Need That I Don’t Already Have? oder das hauchzarte Byline am Schluss einmal mehr den anmutig sentimentalen Balladensänger, die Musiker antworteten spontan auf das, was er gerade sang. 

In New York fanden ohne Costello weitere Aufnahmen für zwei Tracks statt. Sie wurden vom Komponisten, Arrangeur  und Trompeter Michael Leonard produziert, in Zusammenarbeit mit den Gitarristen Bill Frisell und Nels Cline. Elvis Costello komplementierte die entstandene Musik lyrisch und gesanglich auf digitalem Weg von Vancouver aus, wo er mit Diana Krall und ihren Zwillingen lebt. Neben Revolution #49, in dem Elvis Costello zum Auftakt ein Gedicht über arabisch tönenden Sounds rezitiert, sind die außergewöhnlichsten Stücke von Hey Clockface jene aus New York: Das fesselnde Spoken Word Stück Radio Is Everything mit einer wehmütigen Jazztrompete, wie sie Chet Baker anno 1983 für Costellos Antikriegsballade Shipbuilding spielte. Und Newspaper Pane, eine unterproduzierte Variante der Songs auf seinem 1982er Album Imperial Bedroom.

Am Ende fehlt trotz aller Sprunghaftigkeit und allen stilistischen Querschlägern im fertigen Puzzle von Hey Clockface kein Teil. Eine geglückte, aufrüttelnde, berührende Platte.

Elvis Costello Hey Clockface, Concord Records, 2020

© Hey Clockface Pics shot by Klaus Winninger

Record Collection N° 163: Florian Horwath “We Are All Gold” (Louisville Records, 2005)

Herrlich schräger Singer/Songwriter-Stoff. Eine der besten österreichischen Indie-Pop-Platten in diesem Jahrtausend.  

Es ist eine wundervolle, wunderliche Liedersammlung, die Florian Horwath der Welt mit We Are Gold beschert hat. Er nahm seine Debütplatte mit ein paar Freunden in Schweden auf, „in Scheunen so analog wie möglich“, sagte er. Kennengelernt hatte ich Horwath schon vor Veröffentlichung des Albums, als wir uns als Musikjournalisten bei Interviewterminen trafen, und er bei Radio FM4 arbeitete. Dass er auch ein famoser Musiker und Singer/Songwriter war, überraschte mich, seine Karriere als DJ und Elektro-Pop-Musiker hatte ich nicht verfolgt.

Horwaths Debütalbum We Are Gold war jedenfalls ein Glückskeks, und was für einer. Dabei ging mir die bei FM4 pausenlose gedudelte Single When The Light Comes Around erst mal gehörig auf den Geist, der Typ kann ja nicht singen, unkte ich. Dann faszinierte mich diese verwunschene, zart gezirpte Zeile: „When the light came around, when the light was a Cat Stevens sound…“. Was immer das bedeuten mag, wer so etwas singt, ist ein Poet. Die fragile Melodie ließ mich nicht mehr los, der Song entfaltete mit einem Mal seine Magie. Viele junge Sänger/Songwriter lösen ihre Lizenz bei Nick Drake, Florian Horwath setzte auf Cat Stevens, und er mochte wohl auch Robert Wyatt.

Ich weiß auch nicht wirklich, was der Song Golden Teeth („You start to be old / When your teeth turn golden“) genau sagen will, aber egal. Der Song hat dieselbe DNS wie die filigranen, hypnotischen Lieder auf Neil Youngs Album After The Goldrush, was als großes Kompliment gemeint ist. Das gilt auch für den fiebrigen Auftakt Codeine, das zauberhafte I Feel You So sowie die schamlos süße Klavierballade This Is All I Need To Know. Auch die weiteren Stücke wie die sanften Rocker You Touch Me oder Johnny und die glückselige Roky-Erickson-Neudeutung Clear Night for Love entspringen einer schrulligen Wundertüte voller Überraschungen. Muss man gehört haben.

Florian Horwath We Are All Gold, Louisville Records, 2005

(Erstveröffentlicht in now! N° 38, Mai 2005, komplett überarbeitet im Jänner 2021)

© We Are All Gold Pics by Klaus Winninger

B-Logbook 15.01.2021: „Soul“ muss man gesehen haben – Eine Filmempfehlung

Ein wundervoller neuer Animationsfilm von Pixar. Darüber, was man im Leben braucht und was nicht, und was uns wirklich glücklich macht.

Der beste Film, den ich im neuen Jahr gesehen habe, ist Soul – ein wundervoller, quasi philosophischer Animationsfilm von Disney/ Pixar über den Sinn des Lebens, über das, was man im Leben braucht und was nicht, und was uns wirklich glücklich macht. Mit brillanten, zauberhaften, herzwärmenden Animationen und einem famosen Soundtrack voll Klavierjazz vom Jazzmusiker Jon Batiste, dessen klavierspielende Finger gefilmt und für den Film animiert wurden. Die spacigen Chill-Out-Träumereien stammen von Trent Resnor (Nine Inch Nails), dem man so viel Feingefühl gar nicht zugetraut hätte.

Soul wurde von Disney/ Pixar eigentlich fürs Kino produziert, was aus bekannten Gründen nicht möglich war. Also läuft der Animationsfilm, dem die große Kinoleinwand gut gestanden hätte, jetzt im Streamingdienst Disney+. Und Soul ist auch da ein wunderherrlich berührendes Erlebnis.

Soul ist Pixars erster Animationsfilm mit einer afroamerikanischen Hauptfigur, dem Jazzpianisten Joe Gardner, der von einem großen Auftritt in einem Jazzclub träumt, während er sich mit anderen Jobs als Musiklehrer an einer Schule und Klavierlehrer durchschlägt. Letzten Endes wird ihm klar, dass sein Daseinssinn ein ganz anderer ist: Lebe und genieße jeden deiner Tage, und mach andere und dich glücklich. Auf dem Weg zu dieser  Erkenntnis geht es durch faszinierende psychedelische Landschaften zwischen Himmel und Erde hin und her, und die vielen kleinen Seelen, die da oben herumwuseln, sind zum Knuddeln süß.

Beim ersten Mal habe ich Soul in der deutschen Synchronfassung gesehen. Aber ich werde mir Joe Gardners Abenteuer gleich noch mal im Original mit deutschen Untertiteln geben, weil  der Jazzmusiker Joe Gardner von Schauspieler und Sänger Jamie Foxx gesprochen wird, und die kleine einsame Seele im Himmel von der amerikanischen Top-Komikerin Tina Fey.

Über den Filmabspann singt Jon Batiste eine herrliche Version des Soul-Klassikers It’s All Right von Curtis Mayfield und den Impressions. Über den Film sagt er: „Ich war den Tränen nah, als ich Soul zum ersten Mal gesehen habe.“ Ich komme nicht umhin zuzugeben, dass es mir ähnlich ging.

© Soul-Pics by Disney/ Pixar

David Bowie: Held für immer, nicht nur für einen Tag

Vor fünf Jahren, am 10. Jänner 2016, hat der Starman David Bowie den Planeten Erde für immer verlassen. 2021 hätte der am 8. Jönner 1947 in Brixton, London seinen 74. Geburtstag gefeiert.

Man sagt, dass jedes Mal, wenn ein Lieblingsmusiker unseren Planeten verlässt, mit ihm ein Teil unserer Vergangenheit, unseres Lebens stirbt. Aber seit John Lennons viel zu frühem, tragischen Tod hat mich keine andere Meldung über den Tod eines Musikers und Künstlers so sehr getroffen wie die am frühen Morgen des 11. Jänner 2016 vom Ableben von David Bowie. Auch jene nicht vom Tod Elvis Presleys am 16. August 1977, als ich mitten in der Nacht plötzlich aus dem Schlaf aufschreckte, und ein Radiosprecher aus dem Äther verkündete, dass der erste große Rock’n’Roller, der am selben Tag wie David Bowie geboren wurde (aber schon 1935)  das Gebäude endgültig verlassen hat.

Gar nicht daran zu denken, wie viele meiner Lieblingsmusiker schon in einem Alter sind, in dem die Jahre, die sie noch bleiben, weniger und weniger werden, so wie auch die eigene gnadenlos Lebenszeit verrinnt. Wie wird die Welt sein ohne sie? Als ich vor fünf Jahren in der Früh am Laptop von David Bowies Tod las, konnte oder besser wollte ich es nicht glauben. Wie? David Bowie tot? Nein! Doch. Es versetzte mir einen gewaltigen Schlag und trieb mir das Wasser in die Augen.

Als David Bowie in den frühen 1970er Jahren nach einer längeren Anlaufphase auf einmal große Erfolge feierte und in Großbritannien zum Über-Star mutierte, nahm ich den schillernden, außerirdischen Paradiesvogel, und seine Hits Starman, Life On Mars oder Space Oddity, nur am Rande der faszinierenden britischen Glamrock-Invasion von Slade, Sweet oder T. Rex in meinem Jugendzimmer wahr. Ich realisierte weder Bowies Ziggy-Stardust-Konzept, noch machte ich mir groß Gedanken über den ganzen „Glamrock“, und das Wort „androgyn“ war mir noch eine unbekannte Vokabel. Mit gefiel einfach die schrille Kostümierung, der Look der Bands und ihre Songs lösten große Glücksmomente aus. In meinem Jugendzimmer hing, sehr zum Missfallen meiner Eltern, der lebensgroße Bravo-Starschnitt von The Sweet in vollem Make-up und kunterbunter Glamrock-Montur. Und neben einem Poster von Suzie Quatro in ihrem Leder-Overall hing auch ein kleineres Bild von Ziggy, das ich aus der „Bravo“ gerissen hatte.

Wichtig waren auch Roxy Music, die wie der Sternenstaubsänger und seine Marsspinnen aus England stammten, eine bizarr kostümierte Außerirdischencombo, deren unheilvoll gefährlich tönende Single Do The Strand ich zum ersten Man eines Nachts im dunklen Zimmer im Radio hörte, verstörend und Angst einflößend, aber auch eine unbekannte neue Welt jenseits der miefigen Kleinstadtrealität verheißend. Eines ähnlichen Erweckungsmoments kann ich mich bei David Bowie nicht entsinnen. Es gab ja kein Internet, und wir hatten auch keine hippe Hitparaden-Show in unseren beiden grauen ORF-Fernsehprogrammen wie Top Of The Tops in der BBC, wo David Bowie 1972 in einem legendären Auftritt Starman sang, und damit die britische Jugend elektrisierte wie die Beatles anno 1964 die Amerikaner in der Fernseh-Show von Ed Sullivan.

Die ersten LPS, die ich mir von David Bowie kaufte, waren Low und Heroes,  aus seiner elektronischen Berliner Phase Ende der 1970er, aufgenommen in den Hansa Studios nahe der Berliner Mauer. Kultige Alben wie Hunky Dory, The Rise And Fall Of Ziggy Stardust And The Spiders From Mars, Alladin Sane, Diamond Dogs, Pin Ups, Young Americans und Station To Station sollte ich erst danach entdecken.

Ende der 1970er, Anfang der 1980er wurde David Bowie mit famosen Alben wie Lodger und Scary Monsters (And Super Creeps) und Hits wie Ashes To Ashes oder Fashion und den dazugehörigen schillernden Videos praktisch zum Paten der britischen New Wave und zum größten Influencer der New Romantics. Künstler und Bands wie Boy George mit Culture Club, Steve Strange mit Visage, Ultravox, The Human League, Duran Duran, Adam & The Ants oder Spandau Ballet wären ohne Bowie nicht denkbar gewesen.

Mit dem globalen Erfolg seiner Hit-Alben Let’s Dance, Tonight und Never Let Me Down, sowie den ausgekoppelten Megahits Let’s Dance, China Girl, Modern Love, Blue Jean oder Day-In Day-Out  mutierte David Bowie vom hippen Kultstar zum Mainstream-Pop-Superstar der 1980er Jahre, in einer Liga mit Madonna, Prince, Bruce Springsteen, Paul McCartney, Michael Jackson, Queen (mit denen er den Superknaller Under Pressure aufnahm) und den Rolling Stones (er sang mit Mick Jagger 1985 für das Live-Aid-Benefiz den Motown-Hit Dancing In The Street; sein Auftritt im Juli 1985 im Londoner Wembley Stadion war der Höhepunkt des Live-Aid-Festivals – bis er den Erfolg nicht mehr riechen konnte. In den 1990ern verweigerte Bowie konsequent weitere lupenreine Pop-Platten und experimentierte dementsprechend herum. Umso spannender gerieten ihm nach seinen Hardrock-Eskapaden mit der Band Tin Machine die Alben Black Tie White Noise, 1. Outside  und Earthling, Bowie hatte seine Muse und seine innovative Kraft zurückgewonnen.

Anno 1999 und 2003 hatte ich das Glück, David Bowie gleich zweimal zu langen Interviews zu treffen. Das war zu einer Zeit, als die geglückten Alben Hours …, Heathen, Reality und The Next Day seinen künstlerischen Ausnahmestatus bestätigten. Zum ersten Mal traf ich ihn, passend für den auf die Erde gefallenen Mann, im August 1999 zwei Tage vor der totalen Sonnenfinsternis in Mitteleuropa. Ich war nach New York geflogen, um mit David Bowie anlässlich der Veröffentlichung seines Albums Hours in einem schier endlosen Loftbüro seiner Plattenfirma Virgin Records USA in Manhattan mehr als eine Stunde lang zu sprechen. Das zweite Mal begegnete ich ihm 2003 kurz vor Erscheinen des Albums Reality in Berlin in einem schönen Hotel im ehemaligen Ost-Berlin, und er tat so, als könnte er sich tatsächlich daran erinnern, dass wir uns schon vor ein paar Jahren in New York begegnet waren. Jedenfalls war Bowie, der lange als schwieriger Interviewpartner, als exzentrischer Sonderling galt, ein unglaublich aufmerksamer, liebenswürdiger Gastgeber und hochinteressanter, humorvoller Gesprächspartner, der gerne redete. Ob er dabei nur eine seiner vielen Rollen spielte, ich weiß es nicht. Falls ja, so spielte er sie gut und mit großem Charme. Er schien mir ziemlich zufrieden, glücklich und ja, mehr geerdet als erwartet, und bei sich angekommen zu sein.

Während der Reality-Tournee mit einem grandiosen Konzert in der Wiener Stadthalle, für das ich am Konzerttag zig Stunden Autofahrt im dicken Herbstnebel in Kauf nahm, bremste ein auf der Bühne in Hamburg erlittener Herzinfarkt David Bowie. Man vermutete, dass er sich, nach einer Notoperation wieder genesen, ganz ins Privatleben zurückgezogen hätte. Dann aber veröffentlichte Bowie völlig überraschend an seinem 66. Geburtstag im Jahr 2013 die schwermütig nostalgische Single Where Are We Now?, die für ihn ungewohnt emotional und persönlich wirkte. Auf dem bald folgenden Album The Next Day spielte Bowie dann noch einmal seine Stärken aus.

Vielleicht war die Ankündigung seines 25. Albums Blackstar der Grund dafür, dass ich damals noch öfter David Bowies Platten hörte wie sonst. Die frühen Jahre vom britischen Mod-R&B der Swinging Sixties bis zum Young Americans-Soul Mitte der 1970er sprachen mich gerade besonders an. Die die im Herbst 2014 veröffentlichte, von David Bowie selbst kuratierte Karriere-Retrospektive Nothing Has Changed – die beste Bowie-Werkschau seit Changesbowie von 1990 – war der Soundtrack, als ich diesen Text geschrieben habe. Auch David Bowies finales Album Blackstar, das am 8. Jänner 2016, seinem 69. Geburtstag, nur zwei Tage vor seinem Tod veröffentlicht wurde, rotierte am Plattenteller. Ich wünschte, dass der Sänger, der auf Blackstar seinen eigenen Totengesang anstimmte, und seinen Abschied vom Planeten Erde als aufwühlendes Kunstwerk inszenierte, noch am Leben wäre.

David Bowie  überraschte auf Blackstar musikalisch mit herausforderndem Avantgarde-Jazz und emotional mit einer packenden Radikalität. Kaum zu glauben, dass jemand, der von seinem drohenden Ableben wusste, imstande war, derart kraftvolle Kunst zu schaffen. Im  Wissen um seine tödliche Krankheit kann man, wie sein langjähriger Produzent und Freund Tony Visconti, Blackstar als David Bowies kunstvolle Inszenierung seines eigenen Todes deuten. Blackstar ist das würdige Abtreten eines großen Künstlers, der einer der wichtigsten kreativen Geister des 20. und 21. Jahrhunderts war. Die Vollendung seines künstlerischen Schaffens und menschlichen Lebens in einem. David Bowie war kein Held für einen Tag, er ist einer für immer.

Record Collection N° 170: Rumer “Seasons Of My Soul” (Atlantic Records, 2010)

Rumers Debütalbum hatte gleich das Zeug zum modernen Soul-Klassiker.

Der Verlust für das englische Bildungssystem war für die Popwelt ein Gewinn. Als Plan A von Rumer, sich mit der Musik ihren Lebensunterhalt zu verdienen, nicht klappen wollte, war Plan B dran – Pädagogin zu werden. Die als Sarah Joyce geborene Londoner Sängerin mit pakistanischen Wurzeln, setzte sich ihren dreißigsten Geburtstag als allerletzte Deadline. Wenn dann immer noch kein Erfolg als Sängerin in Sicht, dann eben Lehrerin. Praktisch fünf vor zwölf hörte sie Steve Brown, ein jazzgeeichter Komponist und Arrangeur, der fürs Fernsehen arbeitete, bei einem ihrer Clubauftritte singen. Er war begeistert und nahm Rumer unter Vertrag. Brown betreute sie die nächsten zwei Jahre als Manager und musikalischer Mentor, zahlte ihre Rechnungen und feilte in seinem Studio mit Rumer an jenen Songs, die im Herbst 2010 als ihr Debütalbum Seasons Of My Soul veröffentlicht wurden.

In Großbritannien jedenfalls. Europa und der Rest der Welt waren erst im Frühjahr 2011 an der Reihe. Im globalisierten Weltenlauf wirkte das mit Verlaub zwar absurd, im Fall von Rumer war es aber nicht von Bedeutung. Ihre Soul-Jahreszeiten standen in der damaligen Pop-Welt der Black Eyed Peas, David Guettas, Lady Gagas und Katy Perrys nicht mehr am Plan bzw. Hitradio-Playlists. Die elf formvollendeten, edlen Songs von Seasons Of My Soul stehen in der Tradition der Songschreiber- und Arrangierkunst der 1960er- und 1970er-Jahre, von großen Könnern wie Carole King oder Songschreiberkönig Burt Bacharach, der zu Rumers größten Bewunderern gehört.

Vom leicht schwebenden Auftakt Am I Forgiven bis zum zart gehauchten Goodbye Girl (die Coverversion eines Songs der kalifornischen 1970er Softrock-Band Bread) am Ende: Seasons Of My Soul existiert abseits des Zeitgeists und aller Trends. Abseits von Schablonenrefrains, monotonen Maschinenbeats, digital aufgepeppten Stimmchen. Rumers brillantes Debüt ist wohl nichts für Menschen unter Zwanzig, vielleicht klingt es auch für Überdreißig-, Übervierzigjährige noch alt, aber das macht Rumers Soul nicht weniger gut und nicht weniger berührend.

Der stärkste, allerschönste Song auf Seasons Of My Soul ist Aretha,  eine Hommage an Aretha Franklin, die Queen Of Soul, zugleich aber ein Loblied auf den Trost, den die eigene Plattensammlung spenden kann. Mit Aretha Franklin selbst hat Rumers so unangestrengt und elegant wirkender Gesangsstil aber herzlich wenig zu tun, Vergleiche mit Karen Carpenter oder Dusty Springfield treffen da mehr zu. Aber Rumer ist kein Patchwork von Einflüssen, vielmehr eine eigenständige Künstlerin. Sie hat außer Goodbye Girl alle Songs selbst (mit-)geschrieben: Slow (mindestens zweitbester Song des Albums), Take Me As I Am, Thankful oder Healer, einer schöner und berührender wie der andere, und Rumer singt alle auf ihre ganz besondere Art. Das geht tief unter die Haut und mitten in die Seele, so wir denn eine haben. Daran lässt Rumer allerdings keinen Zweifel aufkommen.

Rumer Seasons Of My Soul, Atlantic Records, 2010

(Erstveröffentlicht als Album des Monats in: now! N° 94, März 2011, komplett überarbeitet im Jänner 2021)

© Seasons Of my Soul Pics by Klaus Winninger

2020 – Mein Rückblick/ My Review (Austrian German and Englisch)

Meine liebsten Alben, Compilations und  Reissues, Songs, EPs, Serien, Filme und Bücher des Jahres. Und zwei Konzerte, die ich glücklicherweise sehen konnte in 2020.

My Favourite Albums, Compilations and Reissues, Songs, EPs, Series, Movies and Books Of The Year. And two Concerts I got lucky to be there in 2020.

Wie immer ist alles radikal subjektiv gereiht, ohne Kompromisse und Gefälligkeiten oder Gefühle von Schuld (was vielleicht mangelnde Hipness, guten oder schlechten Geschmack betrifft), nur Freude, Vergnügen und Glücksgefühle. Ich will hier nicht viele Worte über die Pandemie verlieren und welch grausliches Jahr 2020 war. Man kennt das. Aber Musik zu hören, auf Platten (LPs und CDs, alles Neuzugänge in meiner Plattensammlung), und via Musik-Streaming, war 2020 weitaus mehr relevant, viel mehr lebensnotwendig als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt in diesem Millennium. Dasselbe gilt für Serien und Filme auf Netflix und anderswo – und das Lesen von Büchern. Und die beiden Konzerte, für die ich Eintrittskarten erwischte, kurz vor und in einer kurzen Pause der Pandemie. Wenn es sich um Pop-Kultur und Kultur allgemein dreht, war 2020 ein sehr gutes Jahr. Persönlich auch. Und ich habe 2020 gleich zwei Lieblingsalben auf Platz 1. Los geht’s!

As always everything is ranked radically subjective, without any compromise or a sense of guilt (concerning hipness or good or bad taste), just a sense of enjoyment and delight. Don’t wanna talk here about the pandemic and what a horrible year 2020 was. You know that. But listening to music, on records (LPs and CDs, all new entries in my record collection), and via music streaming,  was in 2020 more relevant, more vital than ever at any other point in the new millennium. The same goes for watching series and movies on Netflix or elsewhere – and reading books. And catching tickets for two concerts, that happened shortly before and a in short break of the pandemic. Speaking about pop culture and culture in general 2020 was a very good year. Personally too. And I’ve two No. 1 albums in 2020. There You go!

ALBUMS

1 PAUL WELLER On Sunset (Polydor Records)

1 POPINCOURT A Deep Sense Of Happiness (Milano Records)

3 PAUL MCCARTNEY McCartney III (Capitol Records)

4 BRUCE SPRINGSTEEN Letter To You (Columbia Records)

5 TAYLOR SWIFT Folklore/ Evermore (Republic Records)

6 HARRY STYLES Fine Line (Columbia Records, 2019)

7 HAIM Women In Music Pt. III (Polydor Records)

8 KHRUANGBIN Mordechai (Dead Oceans Inc.)

9 FAMILIE LÄSSIG Im Herzen des Kommerz (Asinella Records, 2018)

10 LOUIS PHILIPPE & THE NIGHT MAIL Thunderclouds (Tapete Records)

11 ELVIS COSTELLO Hey Clockface (Concord Records)

12 THEES UHLMANN Junkies und Scientologen (Grand Hotel Van Cleef)

13 BEN WATT Storm Damage (Caroline Records)

14 LE SUPERHOMARD Meadow Lane Park (Elefant Records, 2019)

15 LEONARD COHEN Thanks For the Dance (Columbia Records, 2019)

16 MELODY GARDOT Sunset In The Blue (Decca Records)

17 STOOTSIE Riverside Tales (Free Fall Records, 2019)

18 LIZZO Cuz I Love U (Atlantic Records, 2019)

19 MICHAEL KIWANUKA Kiwanuka (Polydor Records, 2019)

20 5/8ERL IN EHR’N Yeah Yeah Yeah (Viennese Soulfood Records)

21 JUNGLE For Ever (XL Recordings, 2018)

 

COMPILATIONS & REISSUES

1 THE STYLE COUNCIL Long Hot Summers / The Story Of The Style Council (Polydor Records)

2 KEVIN ROWLAND My Beauty (Cherry Red Records)

3 VARIOUS ARTISTS Martin Freeman and Eddie Piller Present Jazz On The Corner Two (Acid Jazz Records)

4 JOHN LENNON Gimme Some Truth. (Universal Records)

5 JOHN COLTRANE Blue World (Impulse Records, 2019)

6 THE BEATLES Live At Hollywood (Apple Records, 2016)

7 THE ROLLING STONES Goats Head Soup – Deluxe Edition (Polydor Records)

 

SINGLES

1 THE ROLLING STONES Living In A Ghost Town (Promotone)

EPs

1 KHRUANGBIN & LEON BRIDGES Texas Sun (Dead Oceans Inc.)

2 PAUL WELLER On Sunset (Remixes) (Polydor Records)

 

KONZERTE/ CONCERTS

1 FAMILIE LÄSSIG – 28. Februar 2020, ARGE Kultur Salzburg

2 5/8ERL IN EHR’N – 30. September 2020, ARGE Kultur Salzburg

 

FILME/ MOVIES

1 BLINDED BY THE LIGHT (Sky)

2 LITTLE WOMEN (Sky)

3 ONCE UPON A TIME IN HOLLYWOOD (Sky)

4 MOTHERLESS BROOKLYN (Sky)

5 ROCKETMAN (Amazon Prime)

6 LEBERKÄSJUNKIE (EuroVideo Medien, DVD)

7 DER JUNGE MUSS AN DIE FRISCHE LUFT (Netflix)

8 DAS PERFEKTE GEHEIMNIS (Netflix)

9 DER FALL COLLINI (Sky)

10 MARRIAGE STORY (Netflix)

11 GUT GEGEN NORDWIND (Sky)

 

SERIEN/ SERIES

1 THE CROWN (Netflix)

2 THE MARVELOUS MRS. MAISEL (Amazon Prime)

3 CALL MY AGENT! (Amazon Prime)

4 EMILY IN PARIS (Netflix)

5 BIG LITTLE LIES (Sky)

6 VIRGIN RIVER (Netflix)

7 LITTLE FIRES EVERYWHERE (Sky)

8 HIGH FIDELITY (Starzplay)

9 THE UNDOING (Sky)

10 WEIHNACHTE ZU HAUSE (Netflix)

11 ÜBERWEIHNACHTEN (Netflix)

 

BÜCHER / BOOKS

1 SYLVIE SIMMONS I’m Your Man. Das Leben des Leonard Cohen (btb Verlag, 2012)

2 TOM BARBASH Mein Vater, John Lennon und das beste Jahr unseres Lebens (Kiepenheuer & Witsch)

3 NICK HORNBY Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst / Just Like You (beide Kiepenheuer & Witsch)

4 SALLY ROONEY Gespräche mit Freunden (btb Taschenbuch) / Normale Leute (Luchterhand Literaturverlag)

5 DAVID NICHOLLS Sweet Sorrow (Ullstein Verlag)

6 FERDINAND VON SCHIRACH Kaffee und Zigaretten (btb Taschenbuch)

7 JOACHIM MEYERHOFF Hamster im hinteren Stromgebiet (Kiepenheuer & Witsch)

8 KLAUS MODICK Über Leonard Cohen (KiWi Musikbibliothek)

9 FRANK GOOSEN Über The Beatles (KiWi Musikbibliothek)

10 DONNA LEON Geheime Quellen (Diogenes Verlag)

11 JOHN O’CONNEL Bowies Bücher(KiWi Taschenbuch)

B-Logbook 29.12.2020: Paul McCartney – Karriere-Rückblick in einer Doku-Serie?

Gerade erst hat der 78-jährige ewige Beatles mit dem großartigen Nummer-1-Bestseller McCartney III ein ganz und gar gegenwärtiges Album ohne große nostalgische Momente veröffentlicht. Für sein nächstes Projekt aber soll Paul McCartney einen Rückblick in Bildern planen – eine noch namenlose sechsteilige Doku-Serie über seine Karriere. Das Ganze soll mit McCartneys Jahren bei den Beatles beginnen und bis zur Gegenwart reichen. Parallelen zur achtteiligen Beatles-Anthology-Doku-Serie drängen sich auf, die erstmals 1996 zu sehen war und 2003 remastered auf DVD erschienen ist. Einen ersten Trailer in Schwarzweiß für die McCartney-Serie soll es laut dem US-Magazin „Deadline“ schon geben. Es sollen in der sechsteiligen Reihe erstmals auch Aufnahmen der Beatles gezeigt werden, die bislang im Archiv der Londoner Abbey Road Studios versteckt geblieben waren.

Record Collection N°168: Bruce Springsteen “Letter To You” (Columbia Records, 2020)

Post von Bruce Springsteen: So großartig und livehaftig haben der Boss und die E Street Band auf Platte seit Jahrzehnten nicht mehr geklungen: Play Loud!

Wer weiß, ob Letter To You eine Replik auf Donald Trumps Versuche war, die Briefwahl bei den Präsidentschaftswahlen in den USA zu torpedieren. Trump wird zwar in einem Song als krimineller Clown bezeichnet, der den Thron gestohlen hat, aber Bruce Springsteens 20. Studioalbum Letter To You wurde schon 2019 aufgenommen, und ist keine besonders politische Platte. Aber seine erste mit seiner legendären East Street Band seit 2014. Und das erste mit dem rauschenden, mitreißenden E Street Band Sound. Springsteen kündigte schon für Herbst 2020 ein neues Album mit der E Street an, als er im Sommer 2019 gerade die Soloplatte Western Stars veröffentlichte. Letter To You erschien planmäßig, die geplante Welttournee mit der E Street Band, die im Frühjahr 2021 hätte starten sollen, war wegen der Corona-Pandemie aber nicht in Sicht.

Letter To You wurde im November 2019 an vier, fünf Tagen im Studio  aufgenommen, das Springsteens Frau Patti Scialfa und ihm gehört. Mit allen Musikern der E Street Band – von Steve Van Zandt (Gitarre, Vocals), Roy Bittan (Klavier, Vocals), Nils Lofgren (Gitarre, Vocals), Charlie Giordano (Orgel, Vocals) bis Gary Tallent (Bassgitarre, Vocals), Max Weinberg (Schlagzeug, Vocals), Jake Clemons (Saxophon) und Patti Scialfa (Vocals) – wurde zur selben Zeit im Raum live im Studio aufgenommen,  Gesang und alle Musiker in einem Take, es gibt auf der Platte nur ganz wenige Overdubs, vor allem einige Gitarrensoli vom Boss. Das Resultat: ein raues, livehaftiges Album, das viel mehr mit E Street Klassikern  wie Born To Run, Darkness On The Edge Of Town, The River oder Born In The USA gemeinsam hat als mit dem üppig orchestrierten Country-und-California-Pop von Western Stars und buchstäblich danach schreit, live auf der Bühne gespielt zu werden. Ein Trost vielleicht, dass der Boss und die E Street Band auf Platte seit Jahrzehnten nicht mehr so großartig geklungen haben wie auf Letter To You, vielleicht auch noch nie zuvor. Es wird mächtig gerockt mit ganz viel Soul Power: Play Loud!

Auf Western Stars erzählte Bruce Springsteen Short Stories von Cowboys, Tramps und Outlaws, Letter To You ist ein persönliches Album, über Springsteen selbst und die E Street Band, ihre Freundschaft und die Magie ihrer Musik. Gemeinsam ist beiden Alben, dass sie gesanglich die beste Zeit in Bruce Springsteens Leben und Karriere sind.

Ein Schlüsselmoment für das Entstehen der Songs von Letter To You war der Tod von Georg Theiss, dem Sänger von The Castiles, der sich Bruce Springsteen als 15-Jähriger anschloss. Dass er nun der einzige Überlebende seiner ersten Band, dürfte die jahrelange Blockade gelöst, wenn es um das Schreiben neuer Songs für die E Street Band ging.

An die Vergangenheit knüpfen auch drei alte Songs aus den frühen 1970ern noch vor Springsteens Debütalbum Greetings From Ashbury Park, von denen es bisher nur Demo-Aufnahmen gab. Lyrisch erinnern Janey Needs A Shooter, Song For Orphans und If I Was The Priest, dem Springsteen seinen Plattenvertrag mit Columbia Records verdanken soll, an den dylanesken Wortschwall seines ersten Albums. Der allgewaltige Wumms der E Street Band holt sie aber mit links in die Gegenwart. Obwohl Letter To You ein hundertprozentiges E Street Band Album ist, zu dem Steve Van Zandt Springsteen wohl all die Jahre seit Born In The USA überreden wollte, beginnt es mit der leisen, aber tief berührenden Ballade One Minute You’re Here – und „next minute you’re gone“. Tod und Abschied spielen eine große Rolle, wenn mit 71 Jahren die Einschläge näher kommen. Mit dem Titelsong und Burnin‘ Train wird aber auf die E Street abgebogen, volle Fahrt voraus bis zum rauschenden, hoffnungsvollen Schluss I’ll See You In My Dreams.

Dazwischen lassen der Boss und die E Street Band nie nach: Last Man Standing holt genauso wie The Power Of Prayer mit voller Kraft die Jahre der Jugend und vergangene Sommer ins Hier und Jetzt, wie das überwältigende Ghosts, in dem sich Springsteen an sich selbst, seine Helden und seine an den Tod verlorenen Freunde erinnert: „I’m alive and I’m coming home“. Als man Bruce Springsteen und die E Street Band im Pandemiejahr 2020 dringend brauchte, waren sie voll da.

Bruce Springsteen Letter To You, Columbia Records, 2020

© Letter To You Pics shot by Klaus Winninger

Record Collection N° 166: Paul McCartney “McCartney III” (Capitol Records , 2020)

Paul McCartney beweist, dass er weder seinen Biss, seinen Schaffensdrang, seine Spielfreude noch seine kreative Muse verloren hat.

Nach Paul McCartneys letztem exzellentem Album Egypt Stationist auch McCartney III kein schreckliches Im-Spätherbst-seines-Lebens-Album geworden. McCartney hat weder seinen Biss, seinen Schaffensdrang, seine Spielfreude noch seine kreative Muse verloren. Er macht einfach weiter das, was ein Paul McCartney eben macht, und er macht das mit Esprit und einer Einstellung, die bar jeder Sentimentalität ist. Gebremst wurde der 78-Jährige in seinem Tatendrang nur,  weil das Covid-19-Virus für Konzerte und Live-Musik die Pausetaste drückte, und McCartney Anfang 2020 seine 2019 noch auf Hochtouren laufende Freshen Up-Welttournee unterbrechen musste.

McCartney III ist Paul McCartneys dritte reine Soloplatte, die er in einer Krisensituation veröffentlicht. Krisen scheinen ihn aus seiner kreativen Komfortzone zu locken. Die erste Soloplatte, simpel McCartney betitelt, erschien vor fünfzig Jahren im April 1970, nachdem sich gerade die Beatles getrennt hatten. McCartney II folgte vor vierzig Jahren im Mai 1980 auf die Verhaftung von Paul McCartney in Japan wegen Besitzes von Marihuana, und die Trennung der Wings, die McCartney langweilig geworden waren. McCartney III, dem Covid-19-Lockdown geschuldet, ist wie seine legendären Vorgänger eine alleinige McCartney-Affäre, die nebenbei ohne großes Trara auch McCartneys 50-Jahre-Jubiläum als Solokünstler feiert.

Aufgenommen wurde das Album von Paul McCartney im von ihm so genannten Rockdown, im Frühling und Frühsommer 2020 auf dem Land im englischen Sussex, wo der 78-Jährige mit seiner Tochter Mary und deren Familie zurückgezogen in seinem Farmhaus wohnte: „Ich lebte ein Lockdown-Leben auf meiner Farm mit meiner Familie und bin jeden Tag ins Studio gegangen.“ Aus diesen Zeitvertreib heraus entstand McCartney III, obwohl der ewige Beatle für 2020 gar kein neues Album geplant hatte.

Bedrängt durch die Konzertpause und die Covid-19-Isolation arbeitete McCartney in seinem Studio in einer renovierten alten Windmühle nahe der Farm an älteren Songskizzen und brandneuen Kompositionen. Er komponierte und textete schließlich alle Songs für McCartney III, spielte sämtliche  Instrumente und produzierte das Album gleich auch selbst. Das Resultat? Zurück zum Einfachen von McCartney? Etwas Avantgardistisches wie bei McCartney II? Nun, von beidem etwas. Einzige Regel aber: Alles ist möglich, nichts ist fix.

Pauls Tochter Mary McCartney war als Baby auf dem Cover von McCartney mit ihm zu sehen,für McCartney III hat sie das Coverfoto und alle Albumfotos fotografiert. Nicht der einzige Link in die Vergangenheit von diesem dieses ganz und gar gegenwärtigen Album.  Im Studio mit dabei: Der legendäre Kontrabass von Elvis Presleys Bassisten Bill Black. Ein Mellotron aus den Abbey Road Studios. Eine weiße 1954er Telecaster Gitarre, ein Geschenk von McCartneys jetziger Frau Nancy Shevell. Der Geist des Beatles-Produzenten George Martin, weil McCartney eine ihrer Aufnahmen von 1992 verwendete. Und sein iPhone, auf dem Macca spontane Songideen aufnimmt.

Eröffnet wird McCartney III vom bluesigen, über fünf Minuten (aber keine Sekunde zu) langen Long Tailed Winterbird, wo McCartney Spur um Spur über Akustikgitarrenakkorde seine Bassgitarre, Schlagzeug, rückwärtslaufende Tapes, E-Gitarre und seine über die vielen Jahre tiefer, rauer und heiserer gewordene Stimme legt, die hier hypnotisch ein Mantra summt. Eine Arbeitsweise, die das ganze Album prägt. Beendet wird die Platte mit Winter Bird / When Winter Comes, einer zarten Akustikgitarrenballade, die auf einem unvollendeten Song aus den 1990ern basiert.

Dazwischen lässt Paul McCartney seine Kreativität frei laufen, ohne sich groß darum zu kümmern, was man vom ewigen Beatle, vom genialen alten Meister Paul McCartney erwartet, wenn der eine neue Platte macht. The Kiss Of Venus,das Paul in einem beachtlichen Falsett singt, ist ein ähnlich zartes, zauberhaftes Akustikgitarrenstück wie When Winter Comes. Die Ballade Women And Wives, die er allein mit Stimme und Klavier stemmt, hat was vom Feeling der letzten paar Platten von Johnny Cash. So einfache, hinreißend leichtfüßige Poplieder wie Find My Way und Pretty Boys fallen einem Paul McCartney wohl schon am Morgen beim Rasieren oder beim veganen Frühstücksmüsli ein. Die bluesigen Riffrocker Lavatory Lil, vielleicht eine Abrechnung mit einer früheren Bekannten, und Slidin’ rocken heavy Richtung der Black Keys. Während sich das achtminütige Deep Deep Feeling um intensive Emotionen dreht, die „in einem Meer der Liebe brennen“. Dazu verzichtet McCartney auf eine Mitsingmelodie und drapiert über minimalen Beats, Klaviersplittern und einer gespenstischen Bluesgitarre seine eindringlichen Gesangsmantras, „sometimes I wish it would stay … sometimes I wish it would go away“ – was für ein grandioser Track. Ganz anders der pure Wohlfühlsong Seize The Day, der zwischen den Beatles und Wings hin und her pendelt. Und Deep Down, ein sympathisch verschleppter Groover, in dem es irgendwie ums Party machen geht. Mit 78, echt? Vielleicht ja, wenn die Lockdowns endlich vorbei sind. An Weihnachten 2020 war McCartney III jedenfalls auf Platz eins der britischen Albumcharts.

Paul McCartney McCartney III, Capitol Records, 2020

© McCartney III Pics shot by Klaus Winninger

Record Collection N° 167: Various Artists “Martin Freeman and Eddie Piller Present Jazz On The Corner Two” (Acid Jazz Records, 2020)

When we’re talking jazz, jazz you can dance to, Martin Freeman and Eddie Piller are two men in the know. “Jazz On The Corner Two” like its predecessor is a perfect way to experience and feel what real jazz is like. If there will be a third “Jazz On The Corner” volume you can count me in.

The announcement from Acid Jazz Records that they will release a follow up to Martin Freeman’s and Eddie Piller’s superb 2018 compilation Jazz On The Corner was one of the positive music surprises in 2020. Following the scheme of its exquisite predecessor and the likeminded 2019 Soul On The Corner comp by these two dapper looking gents, who doesn’t wear matching trousers on the cover this time, Jazz On The Corner Two doesn’t disappoint. It’s anew an enjoyable lesson in jazz you can dance to from the 1960s and 1970s.

Jazz On A Corner Two comes as two LPs in a luscious gatefold cover with 20 tracks. The 24 track double CD has a different tracklisting and four splendid bonus tracks: Les McCann’s superfunky Us, Chico Hamilton’s latin tinged  Conquistadores, The Bukky Leo Quintet’s fast-paced, piano-led Rejoice In Righteousness and Patrice Rushen’s saxophone swirl Haw Right Now. On vinyl the first LP is curated by Martin Freeman, the second LP by Eddie Piller. That’s why I went for the LP- and the CD-edition – again.

As Jazz On The Corner One did, number Two again rubs shoulders with soul and funk. It opens with Stanley Turrentine’s horn driven dancer The Magilla that is akin to the jazzy parts of the Absolute Beginners soundtrack. Nina Simone’s classic northern soul groover I’m Gonna Leave You swiftly follows. As does The Jazz Crusaders’ elegantly dancing Tough Talk, Roberta Flack’s funky soul jazzer Compared To What, George Benson’s nimble guitar and Hammond organ jazz Shape Of Things To Come or Nicola Conte’s hypnotic Caravan.

If sparkling gems like Johnny Mercer’s That Old Black Magic, Roy Ayers’ A Tear To A Smile, Lonnie Listen Smith’s Summer Days, Brian Auger’s Freedom Jazz Dance, Duke Pearson’s Gira, Girou (Round And Round), The Modern Jazz Quartet’s Concorde or Horace Silver’s Tranquilizer Suite Part 4: Perseverance And Endurance  – you won‘t find a dud in this brilliant soulful, funky jazz collection. If there will be a third Jazz On the Corner volume you can count me in.

Various Artists Martin Freeman and Eddie Piller present Jazz On The Corner Two, Acid Jazz Records, 2020

© Jazz On The Corner Two Pics shot by Klaus Winninger